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Musik der Herrnhuter : Vielsprachig klingt der Jubel noch süßer

  • -Aktualisiert am

Mit Geigen und mit Cello schön: Der Kirchenchor von Nain an der Ostküste von Labrador, um 1900 fotografiert von Paul Hettasch Bild: Moravian Archives

Die Macht der Töne: Sarah Eyerly hat untersucht, wie die Herrnhuter Brüder in Amerika Mozart-Opern in Missionsschulmusik übersetzten.

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          Es waren Segelschiffe wie die SS Harmony, die im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert Herrnhuter Christen nach Nordamerika brachten, nach Georgia und North Carolina, aber auch an die rauhe Küste von Labrador. Die Ladung umfasste nicht nur Menschen, Werkzeuge und Gewürze, sondern auch theologische Traktate, Musikinstrumente, handschriftliche und gedruckte Musik. „Mozart and The Moravians“ betitelt Sarah Eyerly ihre musikethnographische Untersuchung über die eifrigen Boten von Glaube und Kultur (Early Music, Bd. 47, Heft 2, 2019 / Oxford University Press). Sie stützt sich auf die reich bestückten Musik- und Kirchen-Archive in Bethlehem (Pennsylvania) und Salem (North Carolina) sowie auf Feldforschungen des kanadischen Musikwissenschaftlers Tom Gordon zur „Moravian Music“ der Labrador-Inuit.

          Mit Martin Luther verbindet die „mährischen“ Brüder der intensive Gebrauch von Musik bei der Verkündigung. Die oftmals musikalisch hervorragend ausgebildeten Angehörigen der Missionen organisierten sich in Amerika in Collegia musica, ähnlich den aus Mitteldeutschland bekannten Musikerzirkeln. Kompositionen von Mozart, aber auch von Haydn oder dem sächsischen Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann wurden zusammen mit der Guten Nachricht in amerikanisches Land zur indigenen Bevölkerung gebracht.

          Eyerly kommt zu dem Schluss, dass der Akt der Missionierung mit Musik nicht einseitig überstülpend vor sich ging. Sie spricht vielmehr von „cultural negotiation“, Verhandlung oder Aushandlung. Mohikaner, Cherokee, Delaware-Indianer oder Inuit, die Christen wurden, brachten beim Singen und Spielen ursprünglich europäischer Musik so viel Eigenes ein, dass ein Stück von Mozart sich signifikant verändert haben dürfte.

          Neues geistliches Liedgut

          Die Herrnhuter begriffen die Musik, die sie in die Neue Welt mitbrachten, als einheitsstiftend; Eyerly zählt charakteristische Eigenschaften auf: schön, harmonisch, sanft, andachtsvoll. Dabei war es nicht erheblich, ob die Musikstücke von vornherein geistlich ausgerichtet waren, denn sie wurden in jedem Fall mit neuen Texten versehen. So kommt es, dass neben Mozarts Fronleichnam-Motette „Ave verum corpus“ auch Auszüge aus Opern zur geistlichen Erbauung gesungen wurden.

          In dem schmachtenden italienischen Männerduett „Secondate, aurette amiche / Secondate i miei desiri“ aus „Così fan tutte“ bitten zwei Verliebte die Winde, ihren Herzensgöttinnen die sehnsüchtigen Seufzer weiterzutragen. Die deutsche Neutextierung des handschriftlichen Exemplars im Archiv der Moravian Music Foundation lautet: „Deinen Heiland, Zion, preise / Der auf wundervolle Weise, / Der mit seiner Himmelsspeise / Immerdar die Sehnsucht stillt.“

          Sehnsucht, italienisch „desir“, scheint in dieser Adaption die Inspirationsquelle gewesen zu sein. Die „amerikanische“ Besetzung umfasst zwei Solostimmen, Chor, Streicher und Orgel. Zeitgenössische Berichte über eine hohe musikalische Qualität von Sängern und Instrumentalisten sowie über tägliche Proben in den Missionen sind überliefert. Von engelsgleichen Stimmen ist die Rede, vom schönen und deutlichen Singen deutscher Verse und solcher in indianischen Sprachen.

          Danke für meine Feuerstelle

          Um auch englischsprachige Herrnhuter Gemeinschaften einzubeziehen, wurden Opernverse aus der „Zauberflöte“ angepasst. Das Duett von Pamina und Papageno „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ gleicht in der Kontrafaktur einem kraftvollen anglikanischen Kirchenlied: „We join in joyful adoration / in anthems to Jehova’s praise“. Durch seine kristallklare Struktur gehörte das Duett von Anfang an zu den populärsten Nummern der Oper. Dramaturgisch treten Pamina und Papageno im Moment des Singens aus der Handlung heraus und erkennen die Liebe zwischen Mann und Frau als etwas Edles, Hohes, an „die Gottheit“ Heranreichendes. Das Herausgestellte, fast im Brecht’schen Sinne auf eine Erkenntnis Zeigende prädestinierte das Duett geradezu für eine Umdichtung in mitreißende, staunende, gemeinschaftliche Anbetung: „With songs of sacred exultation / Lord, our united voices raise“.

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