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Soziale Systeme : Demokraten differenzieren

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Politikverdrossenheit ist Politikern zwar schwerlich vorzuwerfen, aber dennoch ist auch der Plenarsaal im Bundestag an manchen Tagen fast leer vorzufinden. Bild: dpa

Woher kommt pauschale Staatsverdrossenheit in unserer heutigen Demokratie? Es könnte ein Messfehler der Sozialforscher sein.

          Nachdem die politische Demokratie einmal eingeführt wurde, um politisches Vertrauen durch breite Mitwirkungschancen und echte Wahlmöglichkeiten zu mehren, würde man eigentlich erwarten, dass ihren Politikern und ihren Beamten, ihren Polizisten und Richtern mehr Vertrauen entgegengebracht wird als denen autoritärer Staaten. Die international vergleichende Meinungs- und Einstellungsforschung scheint diese Erwartung aber nicht zu bestätigen. Der irritierende Befund ihrer periodisch wiederholten Umfragen besagt vielmehr, dass die Insassen der halben und ganzen Diktaturen den politischen Institutionen ihres jeweiligen Landes mit großem Vertrauen begegnen, während die Wahlbürger der klassischen wie der neueren Demokratien im Laufe der Zeit immer misstrauischer würden.

          Vor allem dieser zweite Teil des empirischen Befundes ist chronisch umstritten: Einige sehen hier eine Krise der Demokratie heraufziehen, etwa im Sinne einer zunehmenden Entfremdung zwischen den Berufspolitikern und ihrem Publikum, andere halten das Misstrauen der Bürger für eine urdemokratische Tugend und sehen in der zunehmenden Verbreitung dieser Einstellung, ausgelöst durch immer bessere politische Bildung und Information für immer breitere Kreise, ein Zeichen politischer Gesundheit. Eine unlängst veröffentliche Untersuchung eines kanadischen Soziologen-Teams macht nun einerseits deutlich, warum diese Kontroverse mit den vorhandenen Methoden nicht zu schlichten sein wird, und schlägt zugleich eine alternative Auswertungstechnik der vorliegenden Daten vor, die genauere Ergebnisse verspricht.

          Eine Teilnehmerin einer Demonstration in Nürnberg trägt ein Schild gegen das Polizeiaufgabengesetz.

          Andere Perspektive auf das Ergebnis

          Im Anschluss an theoretische Überlegungen, wie man sie etwa bei David Easton und Niklas Luhmann findet, unterscheiden der Autor und seine Kollegin zunächst einmal zwischen generalisierten und objektspezifschen Formen des politischen Vertrauens. Es mag Befragte geben, die allen politischen Institutionen ihres Landes gegenüber zu einem mehr oder minder misstrauischen Urteil disponiert sind, und andere, die ähnlich undifferenziert zu eher positiven und vertrauensvollen Einschätzungen tendieren. Die generalisierte Ablehnung spricht dabei für ein hohes Maß an politischer Entfremdung, die unterschiedslose Bejahung spricht für eine insgesamt unkritische Einstellung der Obrigkeit gegenüber.

          Zum Wunschbild des wachsamen Bürgers wollen beide Einstellungsmuster nicht recht passen. Denn gerade von ihm würde man ja erwarten, dass er über die Parteipolitik anders urteilt als über die öffentliche Verwaltung oder dass er vielleicht der Polizei misstraut, nicht aber dem Militär oder auch umgekehrt – je nach öffentlichem Informationsstand, sozialer Unterstützung seiner Meinung durch Nahestehende oder eigener Vorerfahrung in entsprechenden Rollenbereichen. Der methodische Einwand der Autoren lautet nun, dass diese objektspezifischen Formen, politisches Vertrauen beziehungsweise Misstrauen zu zeigen, von der üblichen Methode nicht als solche erfasst werden.

          Unbeachtete Korrelation

          Diese Methode besteht darin, dass man dem Befragten eine Liste von politischen Institutionen vorlegt, von denen er dann sagen soll, ob er ihnen stark, wenig oder gar nicht vertraut. Das beginnt mit der gerade amtierenden Regierung und ihren Vertretern, danach kommen die öffentliche Verwaltung und die Beamten als deren Vertreter, und danach dann etwa Justiz, Polizeiorganisation und Armee. Die Punktwerte der einzelnen Antworten werden dann einfach addiert, ohne dass es auf die Gleichheit oder Ungleichheit in den Einschätzungen des Befragten ankäme. Die Schwäche dieses Verfahrens zeigt ein einfaches Rechenexempel: Wenn ein Befragter alle fünf Institutionen auf seinem Fragebogen mit jeweils zwei Punkten bedenkt, um auszudrücken, dass er ihnen gleichermaßen wenig vertraut, dann geht er in die statistische Gesamtrechnung mit zehn Punkten ein.

          Auf dieselbe Punktzahl kommt aber auch derjenige, der für zwei jener Institutionen nur einen einzigen Punkt vergibt, dafür aber irgendeine andere Institution mit vier Punkten deutlich als vertrauenswürdig hervorhebt. Die undifferenziert und die differenziert Urteilenden werden also über denselben Leisten geschlagen, und ebendeshalb, so das Argument, sei es bisher nicht gelungen, den entfremdeten Wutbürger vom kritischen Wahlbürger zu unterscheiden.

          Um hier klarer zu sehen, schlagen die Autoren vor, die Antworten nicht einfach isoliert zu würdigen, sondern außerdem auch noch das Antwortmuster als solches zu erfassen, um auf diese Weise entscheiden zu können, ob der einzelne Befragte differenziert oder undifferenziert urteilte. Wertet man die verfügbaren Daten mit dieser Methode aus, dann zeigt sich, dass die Bereitschaft zu differenzierten Urteilen in Demokratien deutlich höher liegt und deutlich rascher wächst als in autoritären Staaten. In der Kontroverse unter ihren Fachkollegen schlagen die beiden Soziologen sich daher mit vorsichtigem Optimismus auf die Seite derjenigen, die von einer tiefgreifenden Vertrauenskrise nichts wissen wollen.

          Cary Wu, Rima Wilkes: „Finding critical trusters: A response pattern model of political trust“, in: International Journal of Comparative Sociology 59(2018), S.110-138.

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