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Missbrauchs-Skandal : Die Kirche schweigt vom Kopfe her

Seite an Seite beim Aushebeln unliebsamer Fragen: Der Jesuiten-Papst und sein Sprecher vom Opus Dei, Gregory Burke, bei einer fliegenden Pressekonferenz. Bild: AP

Sorry, aber das Abendessen steht bereit: Mit dem trickreichen Ausweichen vor der Frage nach seinem Wissen gefährdet Papst Franziskus das Prinzip Verantwortung und den Begriff der Wahrheit.

          Man muss nur abwarten. Irgendwann erledigt sich jede Frage auch durch Nichterledigung, durch Beschweigen auf der einen und Resignation auf der anderen Seite. So eine Frage ist: Was wusste der Papst wann? Hat er oder hat er nicht – sexuelle Missbrauchstäter gedeckt, gefördert gar? Nicht nur früher, als Erzbischof von Buenos Aires, wie ihm heute zumal Frauen dort vorhalten, sondern auch nach seiner Wahl zum Papst, ja noch in den letzten Wochen bei den „fliegenden Pressekonferenzen“ über den Wolken, wo unliebsame Fragen ausgehebelt wurden, im Versuch fortgesetzter Vertuschungsvertuschung.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Sie nutzt sich ab, diese unbeantwortet gelassene Frage, wie sie zuletzt Grund in den Anschuldigungen von Carlo Maria Viganò fand, der von 2011 bis 2016 Nuntius in den Vereinigten Staaten war und am 25. August ein Dossier in Umlauf brachte, das im Internet auch auf Deutsch einsehbar ist und die päpstliche Parole „Null Toleranz“ als scheinheilig hinstellt. So heißt es in dem Dossier, der Papst habe im Gegenteil klerikale Sextäter protegiert, wie zumal den Kardinal Theodore McCarrick, welcher sich an Minderjährigen verging, aber auch die berufliche Abhängigkeit von Seminaristen sexuell auszunutzen verstand.

          Die wichtigen Fragen verlaufen sich

          Hat er, Franziskus, oder hat er nicht – schon seit 2013 von allem gewusst, die Sanktionen des Vorgängerpapstes gegen McCarrick aber ausgehebelt und diesen zu einer einflussreichen Gestalt seines Pontifikats gemacht? Erkennt man hier ein päpstliches Muster: im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch stehende Kirchenleute erst dann aus dem Verkehr zu ziehen, wenn es nicht mehr anders geht, weil medialer Druck das Handeln erzwingt? In diesem Sinne würde der Papst auf Aussitzen und Hinhalten setzen. Das wiederholte Ignorieren der Frage droht die Frage selbst ins Unrecht zu setzen, eine Stimmung von „Lass gut sein!“ macht sich breit, von „Der Klügere gibt nach“, „Man will dem Papst ja nur schaden“ und so weiter.

          So verstummen Fragen, versanden. Einfach auch, weil andere Fragen auftauchen, welche die unbeantwortet gebliebene Frage aus der Schusslinie nehmen, sie mit der alle Fragen gleich wichtig (und also unwichtig) machenden Konsensmaschine unterpflügen. Was natürlich schwerwiegende Zweifel an den Konzepten von Wahrheit und Erkenntnis aufwirft: Man erfährt sie als situative Zufälle, als Stimmungskanonen, mit denen sich so lange zielen lässt, bis die Stimmung wieder kippt (in eine alle unliebsamen Fragen absaugende Antriebslosigkeit) und alles das egal sein lässt, woran eben noch die Zukunft der Kirche hing.

          Die theologische Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ hält in ihrem neuen Heft (Oktober 2018) an der Frage nach dem päpstlichen Schweigen fest, statt sie fallenzulassen, und das allein ist schon ein Verdienst, in wissenschaftlicher und journalistischer Hinsicht. Der Journalist Ludwig Ring-Eifel macht sich einen Reim darauf, warum ein Mann wie McCarrick unter Franziskus noch einmal Einfluss gewinnen konnte. In seinem Beitrag „Theodore McCarrick: Keine Gnade“ schreibt er über dessen mafiotische Karriere: „Diese verlief umso glanzvoller, weil er es nicht nur verstand, beste Kontakte in Politik und Kirche zu knüpfen, sondern weil er auch ein begnadeter ,Fundraiser‘ war.“ In dieser Eigenschaft habe er mehr als 200 Millionen Dollar für die „Papal Foundation“ gesammelt, was ihm offenbar auch bei Franziskus lange Zeit Immunität verlieh.

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