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Missbrauchs-Skandal : Die Kirche schweigt vom Kopfe her

Sanktionen innerhalb der Kirche bleiben oft geheim

Unter der Überschrift „Päpstliches Geheimnis“ widerspricht Benjamin Leven, Rom-Korrespondent des Blattes, der Annahme, es habe vielleicht gar keine früheren Sanktionen gegen McCarrick gegeben, jedenfalls seien solche ja nicht allgemein bekannt gewesen: „Dass verhängte Sanktionen auch bei hochrangigen Klerikern nicht öffentlich gemacht werden, ist nicht ungewöhnlich. So hatte der Vatikan 2006 versucht, die Strafen gegen den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.“

Einen anderen Vorbehalt gegen Viganòs Memorandum hatte der Kirchenrechtler Stephan Haering unlängst in der „Tagespost“ formuliert. Demnach habe der vatikanische Spitzendiplomat mit den Enthüllungen gegen seine „spezielle Verpflichtung zur Verschwiegenheit“ verstoßen, denn die in seinem Papier zur Sprache gebrachten Vorgänge würden als Angelegenheiten des Staatssekretariats unter das sogenannte Päpstliche Geheimnis („secretum pontificium“) fallen. Insoweit, so Haering, „macht sich der Apostolische Nuntius formal gesehen sogar strafbar“.

Diese Ansicht unterstreicht auch Leven: „Mit seinem Schreiben hat sich Viganò kirchenrechtlich strafbar gemacht.“ Doch wäre die Verletzung der Schweigeverpflichtung im Falle sexueller Gewalt und ihrer Vertuschung ernsthaft als Grund anzusehen, die Exzesse McCarricks lieber weiter zu beschweigen statt, wie Viganò es tat, „die Namen zahlreicher hoher Kirchenleute, die über den Sachverhalt im Bilde gewesen seien“ (Leven), offenzulegen, unter ihnen auch ehemalige vatikanische Staatssekretäre wie Angelo Sodano und der Ratzinger-Vertraute Tarcisio Bertone?

Deutsche Bischöfe folgen dem Beispiel

Wäre die Kaprizierung auf das secretum pontificium dann nicht gleichbedeutend mit einer kirchenrechtlichen Absicherung der Vertuschung? Viganò selbst rechtfertigt sich in einem neuen Schreiben, das am Wochenende auf verschiedenen Plattformen veröffentlicht wurde, gegenüber dem Vorwurf des Geheimnisbruchs, indem er zu bedenken gibt, dass schon gar nicht kirchenrechtlich „der Zweck einer jeden Geheimhaltung“ darin bestehen könne, „Verbrechen zu vertuschen oder sich daran zu beteiligen“. Das Schweigen der Hirten, welches weltweit als Kardinalproblem des kirchlichen Missbrauchs identifiziert wurde, kann denn nun auch wohl kaum als Amtspflicht verkauft werden.

Auch Franziskus wird sein Schweigen („Ich sage dazu kein Wort“) nicht mit höheren Einsichten begründen können, wenn er das Prinzip der persönlichen Verantwortung in seiner Kirche nicht nachhaltig diskreditieren möchte, gleichsam lehramtlich-autoritativ von der Spitze her, durch das Beispiel des Pontifex beglaubigt. Diesem Muster folgt das Aushebeln unliebsamer Fragen bei den erwähnten „fliegenden Pressekonferenzen“, wie zuletzt beim Rückflug aus den baltischen Staaten. Fragen zu Viganò wurden zunächst zurückgestellt („Zuerst die Fragen zur Reise“) und kamen dann nicht mehr zum Zuge („Man sagt mir, das Abendessen steht bereit, und der Flug ist nicht lang“).

Kein Wunder also und doch anstoßerregend, dass die deutschen Bischöfe dem Beispiel ihres Pontifex meinten folgen zu müssen und dafür sorgten, dass die Benennung persönlicher Verantwortlichkeiten – von Bischöfen oder überhaupt nur von konkreten Diözesen – gerade nicht zum Forschungsdesign ihrer Missbrauchsstudie gehörte. Für einen Moment hielten alle Bischöfe bei ihrer Pressekonferenz vergangene Woche in Fulda die Luft an, als die Journalistin Christiane Florin ihre Frage stellte: „Hier sind jetzt über sechzig Bischöfe versammelt. Gab es einen oder zwei, die im Zuge Ihrer Beratungen gesagt hätten: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann eigentlich diese Verantwortung des Amtes nicht mehr tragen?“ Erst als Reinhard Kardinal Marx nach kurzem Zögern mit einem knappen, sonoren „Nein“ antwortete, atmete man auf.

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