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Das Milgram-Experiment : Skrupellose Zweifler?

  • -Aktualisiert am

Genügt die Autorität des Versuchsleiters, um die Versuchspersonen zu der gewünschten Untat zu bewegen? Das versuchte das Milgram-Expermient herauszufinden. Bild: Picture-Alliance

Stromstöße für falsche Antworten verteilen: Eine neue Auswertung des Milgram-Experiments zeigt, dass es eine Rolle spielt, ob die Teilnehmer das Experiment durchschauen oder nicht. Dumm nur, dass keiner es wiederholen kann.

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          Das spektakulärste Experiment der Sozialpsychologie wurde von Stanley Milgram im Jahre 1961 unternommen. Seinen Versuchsteilnehmern hatte der junge Forscher damals erklärt, er wolle herausfinden, ob Schüler besser lernen, wenn man jeden ihrer Fehler auf der Stelle bestraft – und zwar mit Stromstößen in einer Fehler für Fehler anwachsenden Stärke. Während die Rolle des unnachsichtigen Lehrers den Versuchspersonen zufiel, war der „Schüler“, den sie leiden sahen und klagen hörten, ein ausgebildeter Schauspieler, der seine Schmerzen, seine flehentlichen Bitten, die Tortur zu beenden, und schließlich auch seine Ohnmacht nur simuliert hatte. Denn in Wirklichkeit wollte Milgram herausfinden, ob die wissenschaftliche und soziale Autorität seiner Versuchsleiter ausreichen würde, um die Versuchspersonen zu der gewünschten Untat zu bewegen. Das auch für ihn selbst schockierende Ergebnis war, dass dies in einer deutlichen Mehrzahl der Fälle gelang. So waren von den 40 Teilnehmern des ersten, später in zahlreichen Abwandlungen wiederholten Experiments 26 bereit, bis zur Höchstdosis von 450 Volt zu gehen.

          Mit den Bedenken von Ethikern hatte die gewagte Forschung schon an Ort und Stelle zu ringen. Milgram hielt ihnen Untersuchungen entgegen, die weder nach kürzerem noch nach längerem Zeitabstand irgendwelche Schäden an der Seele seiner Probanden nachzuweisen vermochten. Heute würden solche Bedenken eine getreue Wiederholung des Experimentes verhindern. Der jüngste Versuch dazu, vorgenommen vor gut zehn Jahren in Polen, musste sich auf die ersten Stufen in der Eskalation der Gewalt beschränken und konnte die bekannten Ergebnisse daher auch nur innerhalb dieser Grenzen „bestätigen“.

          Das aktuelle Interesse an der Thematik konzentriert sich daher auf alternative Interpretationen der damals publizierten Daten, aber auch auf das unterdessen zugängliche Archivmaterial. Zu diesen unpublizierten Dokumenten gehört auch eine Befragung der Teilnehmer, ob sie denn während des Experiments geglaubt hätten, was man ihnen weiszumachen versuchte. Diese Frage ist mehr als berechtigt. Denn die Realität des Experiments wäre die Realität des Unvorstellbaren gewesen: Folterungen an beliebig herausgegriffenen Mitmenschen? „Gerechtfertigt“ durch Ziele des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns? Und dann auch noch gebilligt durch eine angesehene Universität? Bei so unwahrscheinlichen Darstellungszielen hätte die Darstellung selbst nahezu perfekt sein müssen. Von so hohen Ansprüchen an ihr Gelingen als Schauspiel war die wirkliche Versuchsanordnung aber sehr weit entfernt.

          Als man die Teilnehmer anwarb, war ihnen gesagt worden, sie könnten ihre weitere Mitwirkung jederzeit beenden, ohne ihre finanzielle Entschädigung zu verlieren. Zögerten sie jedoch im Experiment, die nächsthöhere Dosis zu verabfolgen, dann wurde diese Zusicherung nicht etwa wiederholt; stattdessen bestand der Versuchsleiter darauf, dass auch dieser Schritt getan werden müsse. Auch hatte es vorher geheißen, die Sanktionen seien zwar schmerzhaft, zögen aber keine ernsten und dauerhaften Gesundheitsschäden nach sich. Aber wie plausibel ist diese Entwarnung, wenn man das „Opfer“, das am Ende stumm und bewegungslos auf dem Boden liegt, auch auf allen Vorstufen dieses Zusammenbruchs sehen und hören kann? Andererseits war der vermeintliche Schüler, ehe er niedersank, auch nach jedem noch so starken Stromstoß immer sogleich wieder bereit, auch die nächste Frage prompt zu beantworten. Aber hatte er dann wirklich gelitten?

          Überzeugte Teilnehmer sind gehemmter

          Nun sind die Daten aus jener kleinen Untersuchung über Glaube und Unglaube der Teilnehmer noch einmal nach allen Regeln der Kunst ausgewertet worden, und zwar mit einem durchaus überraschenden Ergebnis: Danach waren es gerade die ungläubigen Teilnehmer, die weniger Hemmungen zeigten, bis zum bitteren Ende zu gehen, während die Teilnehmer, an denen die Täuschung gelang, schon vorher ausstiegen. Das Forscherteam dieser Zweitauswertung deutet dieses Ergebnis so, dass die Ahnung vom fingierten Charakter der Situation auch die auszuübende Gewalt ihres Ernstes entkleidet – und sie eben dadurch erleichtert habe. An seinen unüberzeugten Teilnehmern hätte Milgram dann aber eigentlich nur erhoben, wie diese Leute sich in Gewaltspielen verhalten.

          Dieser Lesart steht jedoch ein naheliegender Einwand entgegen, der sich ohne Wiederholung des Experiments schwer entkräften lässt. Als man die Teilnehmer nach Glauben und Unglauben befragte, waren sie über Sinn und Zweck des Experiments längst aufgeklärt worden. Diejenigen Versuchspersonen, die besondere Härte gezeigt hatten, standen damit unter dem unausgesprochenen Vorwurf, besonders verführbar und besonders autoritätshörig zu sein. Ihre Auskunft, sie hätten das Ganze ohnehin nicht ernst genommen, erfüllte daher die Funktionen einer Schutzbehauptung und wurde vielleicht auch nur deshalb, und nicht weil sie zutraf, erteilt.

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