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Lobredner des Heroischen : Die zweite Kindheit des Helden

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Als "die abgründige Schwermut eines fürchterlichen Umsonst" charakterisierte Friedrich Gundolf die "Brutus-Stimmung" von Shakespeares Caesar-Tragödie. Max Klingers Gemälde "Cäsars Tod", begonnen 1879, vollendet 1919, hängt im Leipziger Museum der Bildenden Künste. Bild: akg-images

Wer liest heute noch Thomas Carlyle, den viktorianische Literaten und Goethe-Verehrer? Als der schottische Anglist H. J. C. Grierson 1930 in Heidelberg den deutschen Dichter Friedrich Gundolf kennenlernte, galt der viktorianische Lobredner des Heroischen noch als prophetische Figur.

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          Dass der Held mitunter ein „Kind des Ausnahmezustands“ sei, wäre wohl eine weniger auffällige Formulierung, wenn in ihr nicht ein berühmtes Diktum Carl Schmitts anklänge. Zu finden ist sie in einem 1930 unter dem Titel „Carlyle and the Hero“ gehaltenen Vortrag, in dem der schottische Anglist Herbert John Clifford Grierson (1866 bis 1960) die Bedingungen untersucht, unter denen der viktorianische Großliterat und Goethe-Verehrer Thomas Carlyle (1795 bis 1881) das Auftreten der großen Männer der Geschichte für wahrscheinlich hielt. Im wüsten Land Europas nach dem Ersten Weltkrieg, so Griersons Befund, sei Carlyles Kritik an Laissez-faire und Demokratie so aktuell wie ein Jahrhundert zuvor, womit auch der Ruf nach Helden wieder laut werde.

          All dies wäre vielleicht als Zeitdiagnose weniger bemerkenswert, wenn nicht mehrfach der Name Friedrich Gundolfs fiele, in Deutschland damals kaum minder berühmt als Carlyle in England und wie dieser heuer kaum mehr gelesen. Gundolf, für dessen Rezeption im englischsprachigen Bereich dieser Vortrag ein seltenes Beispiel bietet, wird eingeführt als „gewissermaßen ein Jünger Nietzsches, aber mehr noch Stefan Georges“. Bei Gundolf wird Grierson eine Apologie der Heldenverehrung als geradezu religiöser Haltung gelesen haben, die auch seine Deutung Carlyles bestimmt. Sei für Carlyle nicht die Heldenverehrung der Kern des Christentums selbst gewesen? In Gundolfs einschlägiger Schrift „Dichter und Helden“ – die Grierson mit verdrehtem Titel nennt – heißt es indessen: „Nur vom Menschen, nicht von Sachen aus erfahren wir die Gottheit“, denn die Heldenverehrung war Gundolf der Inbegriff der Frömmigkeit.

          Grierson hatte Gundolf als Gastprofessor in Heidelberg kennengelernt – im Jahr des Vortrags, also ein Jahr vor Gundolfs Tod. In einem Brief an den Freund Erich Kahler nannte Gundolf den schottischen Kollegen „einen meiner liebsten Zuwächse“. Einige Briefe in Gundolfs Nachlass in der University of London zeugen von der allzu kurzen Bekanntschaft. Sie ist auch deshalb bemerkenswert, weil Gundolf bei aller Shakespeare-Begeisterung kaum Kontakte nach Großbritannien gepflegt zu haben scheint. Oder sie kamen allzu spät zustande: Auch erst 1930 erbat T. S. Eliot von Gundolf einen Artikel für seine Zeitschrift „The Criterion“. Gundolf schickte ein Stück über Mörike, das übersetzt und gedruckt wurde, auch wenn Eliot privat Vorbehalte dagegen äußerte, einen weiteren in England unbekannten „Österreicher“ in einer Heftnummer vorzustellen – neben einem gewissen Franz Kafka. (Man muss sich schließlich fragen, ob der Kontakt zu britischen Intellektuellen 1933 einen Weg in die Emigration gewiesen hätte – einen Weg, den Gundolfs Witwe und seine Bibliothek gingen.)

          Der Heidelberger Germanist Friedrich Gundolf
          Der Heidelberger Germanist Friedrich Gundolf : Bild: Thomas Hatry

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          Eliot scheint sich auch für Gundolfs zweibändiges Spätwerk „Shakespeare. Wesen und Werk“ interessiert zu haben, doch eine Übersetzung kam nie zustande. Als einzige von Gundolfs Monographien erschien 1928 „Caesar. Geschichte seines Ruhms“ in englischer Übersetzung; das „Times Literary Supplement“ hatte schon das Original besprochen – nicht ohne Wohlwollen, doch auch mit Verwunderung über die deutsche Neigung zur Schwärmerei. Auch Grierson meint, bei seiner Wiedergabe der Gedanken Gundolfs vor einem Publikum „nüchterner Briten“ den „transcendental, abstract German style“ in Rechnung stellen zu müssen. Im neunzehnten Jahrhundert hatte man sich dafür – nicht zuletzt unter dem Einfluss Carlyles – offener gezeigt.

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