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Glosse: Algorithmen lesen? : Klassiker digital eingekocht

Wenn Kant das wüsste... Bild: dpa

Wie viel Zeit könnte man sparen, wenn alles Wichtige bereits unterstrichen wäre. Die Digitalisierung macht es möglich. In Kants Kritik der reinen Vernunft sind übrigens lediglich die ersten acht Prozent relevant.

          Wer kennt das nicht: Man kauft sich ein Fachbuch, spitzt den Bleistift, legt das Lineal griffbereit zurecht und beginnt zu lesen. Kaum hat man aber den ersten Absatz beendet, überkommt einen die Unsicherheit - was ist wichtig, was ist unwichtig? Was soll man sich merken, was gleich wieder vergessen? Mit anderen Worten: Was zum Teufel soll man unterstreichen und was nicht?

          Die Lösung für derartige Probleme ist natürlich schon lange verfügbar, sofern man sich von der altertümlichen Papierform verabschiedet und sich sein Fachbuch als E-Book eines großen Online-Versandhändlers zu Gemüte führt. Benutzerfreundlich ist dort bereits vor-unterstrichen, was die Mehrzahl der Leser für unterstreichenswert befunden hat. In Kants Kritik der reinen Vernunft von 1781 ist beispielsweise der Satz „modo maxima rerum, tot generis natisque potens - nunc trahor exul, inops - Ovid. Metam“ der meist unterstrichene Satz des gesamten Buches. Den Satz hätten wir ansonsten vermutlich, in gefährlicher Bequemlichkeit das Lateinische scheuend, einfach überlesen.

          Effizienz steigern

          Ovid und Kant also, das muss man sich merken. Wie töricht waren wir, als wir damals noch gewissenhaft die gesamte Kritik durcharbeiteten, wissen wir doch heute auf der Grundlage akribischer Nutzerdatenanalyse, dass die einzig markierenswerten Stellen nur in den ersten 8 Prozent des Gesamtwerkes zu finden sind. Ähnlich effizient kann man heute mit naturwissenschaftlichen Büchern umgehen. Wenn wir gewusst hätten, dass es in Hawkings „Kurzer Geschichte der Zeit“ nur zehn relevante Stellen im ersten Fünftel des Buches gibt, hätten wir uns Jahrzehnte des schlechten Gewissens gegenüber dem wohl meist-ungelesenen Bestseller erspart.

          Und die Minderheit, die dieses Buch tatsächlich gelesen hat, hätte den allergrößten Teil der immerhin 8 Stunden und 8 Minuten, die der Durchschnittsleser dafür benötigt, anders nutzen können. Zum Beispiel für das Blitzlesen der Feynman Lectures „Quantenmechanik“, wo es noch weniger relevante Stellen gibt als in Hawkings Werk. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis das Potential dieser mächtigen Methode algorithmischer Nutzervernetzung auch in den Wissenschaften erkannt wird. Wie viel schneller ginge die wissenschaftliche Datenanalyse, wenn Datensätze automatisch bereits ein Label angehängt bekämen: „35 Kollegen fanden in ähnlichen Daten nur 3 Features bemerkenswert“.

          Wie viel besser könnte man Studien planen, wenn jedes geplante Experiment eine automatisch berechnete Angabe „dieses Experiment benötigt voraussichtlich 85 Tage“ besäße. Dann könnte die Forschung noch effizienter veröffentlichen. Und wir könnten dank Vor-Unterstreichung den exponentiell wachsenden Berg wissenschaftlicher Veröffentlichung in Rekordzeit durcharbeiten. Den altbackenen Anhängern individualistischer Einzelgenieforschung bliebe dann immer noch, Ovid zu zitieren und zu beklagen, dass nach der Metaphysik nun auch die Idee des kreativ aus der Reihe tanzenden Individualdenkers in die Wüste geschickt wurde.

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