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Linguistische Forensik : Der spricht doch gar nicht wie ein Syrer!

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Als Recherchen des schwedischen Fernsehens 2014 nahelegten, dass ein mit zahlreichen Fällen von Bajuni-Somaliern betrauter Sprakab-Mitarbeiter sowohl über seine schwedische Staatsbürgerschaft als auch über seine akademische Ausbildung gelogen hatte und noch dazu eine Vorstrafe wegen Drogenhandels habe, zog das seinerzeit von Theresa May geführte Innenministerium Konsequenzen. Man wechselte allerdings lediglich den Anbieter. Die ebenfalls schwedische Firma Verified leistet Monika Schmid zufolge zwar tatsächlich bessere Arbeit. Der Verdacht, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit solcher Firmen zu Gefälligkeitsgutachten und am Ende gar zur Abschiebung wirklich aus Somalia stammender und damit vermutlich asylberechtigter Bajunis nach Kenia geführt haben könnte, ist damit aber nicht ausgeräumt.

Die britische Praxis gilt unter Fachleuten als Beispiel für das unterste Ende der Qualitätsskala. Einen vergleichsweise vorbildlichen Ruf hat dagegen die Fachstelle für Herkunftsabklärungen des Schweizer Staatssekretariats für Migration, und auch die Vorgehensweise des Bamf in Deutschland wird von den meisten Linguisten relativ gut bewertet.

Sprachanalysen sind keine Fingerabdrücke

Unterm Strich ist von Forschern auf dem Gebiet aber wenig Begeisterung über die regionale Detailschärfe von Sprachanalysen zu spüren. Die tatsächliche Nationalität eines Flüchtlings aufzuklären, der keine Papiere hat und an dessen eigenen Angaben Zweifel bestehen, ist eine schwierige Aufgabe, für die eine linguistische Analyse lediglich Anhaltspunkte für die ungefähre Herkunftsregion liefern kann. Die Gefahr ist allerdings, dass solchen Analysen aufgrund der vermuteten wissenschaftlichen Autorität mehr Gewicht beigemessen wird, als ihnen gebührt. Anders als Fingerabdrücke oder DNA-Spuren können sie allerdings keine harten Beweise liefern, sondern lediglich Wahrscheinlichkeiten über die mögliche Herkunft eines Sprechers. In vielen Fällen reichen die aus - ein Asylbewerber mit maghrebinischem Dialekt dürfte höchstwahrscheinlich nicht aus Syrien kommen -, aber eben nicht in allen. Auf welcher Seite der syrisch-jordanischen Grenze jemand aufwuchs, lässt sich aus seiner Sprechweise kaum ablesen.

Der Orientalist Manfred Woidich, der als Professor an der Universität Amsterdam in den neunziger Jahren selbst an Gutachten für die niederländischen Behörden beteiligt war, hält daher in den meisten Fällen das simple Abfragen von Lokalwissen für eine gut geeignete Methode. Obwohl diese Art der Evidenz keine wissenschaftliche Aura besitzt: „Wenn jemand behauptet, aus Aleppo zu kommen, aber nicht weiß, wo dort der Suk ist oder wo das berühmte Baron Hotel steht, dann kann man jedenfalls schon mal getrost ein Fragezeichen hinter seine Herkunftsangabe machen. Das ist so, als wüsste ein Münchner nicht, wo der Viktualienmarkt ist oder wie die Frauenkirche aussieht.“

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