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Linguistische Forensik : Der spricht doch gar nicht wie ein Syrer!

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Schmids Forschungsgebiet ist die Sprachattrition, die Erosion von Muttersprache und Dialekt in einer linguistisch fremden Umgebung. „Die Annahme, dass ein einmal erlernter Dialekt ein Leben lang erhalten bleibt, ist einfach nicht richtig“, sagt Schmid, die auch aus eigener Erfahrung spricht: Als gebürtige Schwäbin zog sie im Alter von zwölf Jahren nach Krefeld und spricht heute reinstes Hochdeutsch. Doch selbst darin hätten die mittlerweile 16 Jahre, in denen sie berufsbedingt zunächst in den Niederlanden und dann in England lebte, ihre Spuren hinterlassen. „Menschen, die wie ich längere Zeit im Ausland leben und eine Zweitsprache sprechen, erleben fast unvermeidlich Probleme mit ihrer Muttersprache“, sagt Schmid. Zum Beispiel Wortfindungsschwierigkeiten, ein verlangsamter Sprachduktus oder wörtlich aus der Zweitsprache übersetzte Redewendungen, bis hin zu einem leichten, für die Zweitsprache typischen Akzent und der Empfindung, sich in der Muttersprache nicht mehr ganz zu Hause zu fühlen.

Die Mehrheit der forensischen Linguisten war von Anfang an skeptisch

Solche Verfälschungen gilt es in einer Lado-Analyse ebenso zu berücksichtigen wie die künstliche Gesprächssituation des Interviews. Wenn der Betroffene beispielsweise seinen eigenen Dialekt im Gegensatz zu dem des Interviewers als minderwertig wahrnimmt, unterdrückt er ihn oft unbewusst. Ähnlich kann es einem Schwaben ergehen, der in Hamburg zum Vorstellungsgespräch eingeladen ist. Dass er es mit einem Süddeutschen zu tun hat, dürfte ein muttersprachlich deutscher Arbeitgeber dann wohl noch heraushören, der Unterschied zwischen einem Ulmer und einem Augsburger Einschlag dürfte ihm aber vermutlich entgehen.

Linguistische Eigenheiten sind also nicht unveränderlich und lassen sich nicht immer zuverlässig einer bestimmten Herkunftsregion, geschweige denn einem bestimmten Staat zuordnen. Welchen Wert haben sie dann für die Aufklärung der Identität von Flüchtlingen ohne Pass? „Als Lados in den Neunzigern eingeführt werden sollten, war die Mehrheit der forensischen Linguisten skeptisch. Eingeführt wurden sie trotzdem“, sagt Schmid. Richtig gemacht und zurückhaltend bewertet, könnten die Analysen aber natürlich schon Anhaltspunkte liefern.

Schon die Frage, was einen guten Experten ausmacht, ist nicht einfach zu beantworten

Weil die Gutachten zunächst mehr oder minder nach Gutdünken der jeweiligen Behörde durchgeführt wurden, organisierten sich Linguisten aus aller Welt, um die Möglichkeiten und Grenzen von Lados zu definieren. Im Jahr 2004 verabschiedete die inzwischen an der Universität Essex angesiedelte „Language & Asylum Research Group“ Richtlinien für eine aussagekräftige Durchführung und Bewertung von Sprachanalysen, die heute von den meisten Behörden anerkannt sind. Im Zentrum steht dabei die Forderung nach linguistisch ausgebildeten Gutachtern mit belegten Kenntnissen der fraglichen Sprachen und ihrer Dialekte, nach Beachtung der vielen möglichen Fehlerquellen und nach zurückhaltenden Schlussfolgerungen, die lediglich grobe Wahrscheinlichkeitskategorien angeben sollen, anstatt eine Präzision wie in den Naturwissenschaften zu suggerieren, die es in der forensischen Linguistik so nicht gibt.

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