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Linguistische Forensik : Der spricht doch gar nicht wie ein Syrer!

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Einen Exilbayern erkennt man noch nach Jahrzehnten

Auf lexikalischer Ebene gelingt die Anpassung meist recht gut. Nachdem er in einer Spandauer Bäckerei mehrmals verständnislos angesehen wurde, dürfte auch ein eingefleischter Bayer dazu übergehen, nicht mehr „Semmeln“, sondern „Brötchen“, wenn nicht gar „Schrippen“ zu verlangen. Einer Entbajuwarisierung weit schwerer zugänglich ist dagegen die Phonologie: Am gerollten „R“ erkennt man die Herkunft eines Exilbayern oft noch nach Jahrzehnten. Und unter Umständen kann gerade das Bemühen um korrektes Hochdeutsch verräterisch sein.

Das Bairische veranschaulicht aber auch die Grenzen linguistischer Herkunftsanalysen: Wer als echter Münchner zum Beispiel viel Zeit mit dem Nachwuchs von „Zugroaßten“ verbringt, kennt die Sprachwelt des Münchner Grantlers oft mehr vom Hören als vom Sagen. Andersherum können Kinder einen bayrischen Dialekt auch in Berlin erlernen, wenn er in der Familie intensiv gepflegt wird. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Einstellung zur Sprache und zum Dialekt: Mit einer Portion bayrischen Selbstbewusstseins kann der dialektale Einschlag gerade in der preußischen Diaspora als identitätsstiftend empfunden werden. Wer sich dagegen für seinen Dialekt geniert, wird versuchen, ihn abzulegen, oder erst gar nicht annehmen. Die Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft ist also in erster Linie eine Frage linguistischer Sozialisation. Die geographische Herkunft und erst recht die Staatsangehörigkeit haben darauf nur indirekten Einfluss, auch wenn sich beides in stabilen, traditionellen Gesellschaften oft deckt.

Schwieriger wird es, wenn jemand mit mehreren Sprachen und Dialekten aufgewachsen ist

Stabilität ist jedoch genau das, was in der Lebensgeschichte vieler nach Europa kommender Flüchtlinge fehlt. Und ebendies stelle die Grundannahme einer Lado in Frage, meint die Linguistin Monika Schmid von der Universität im südenglischen Essex. „Nehmen Sie einen Syrer, der eine jahrelange Fluchtgeschichte hinter sich hat, mit Etappen in Flüchtlingslagern in Nachbarländern oder bei Verwandten in Kairo. In dieser Zeit kommt er mit Menschen zusammen, die ganz anders sprechen als er, und sein angestammter Dialekt vermischt sich nach und nach mit diesen anderen Varianten des Arabischen. Je länger das geht und je jünger der Betreffende ist, desto schwerer wird es, aus seiner Sprechweise später zuverlässige Hinweise auf seine Herkunft herauszulesen“, sagt Schmid. Erst recht kompliziert werde die Situation, wenn jemand von Anfang an mit mehreren Sprachen und Dialekten aufwachse.

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