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Linguistische Forensik : Der spricht doch gar nicht wie ein Syrer!

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Dieses Vorgehen beruht auf der Annahme, dass die Sozialisation eines Menschen dauerhaft Spuren in seiner Sprache und Sprechweise hinterlässt, die sich später nicht einfach unterdrücken lassen. Darauf basieren auch forensische Sprach- und Textanalysen in Strafrechtsprozessen, die sogar recht zuverlässig zeigen können, wenn ein Dialekt oder Migrationshintergrund nur vorgetäuscht wird. Vor Gericht geht es allerdings meist um die Analyse des individuellen Sprachstils eines Verdächtigen, seines Idiolekts. Diese kleinen Idiosynkrasien - in der gesprochenen Sprache beispielsweise Art und Plazierung des „Äh“ - erlauben etwa einen Abgleich mit Aufnahmen anonymer Anrufer oder Erpresserbriefen. Solche Sprachanalysen werden dann als Indizien anerkannt, wenn sie auch nicht die Beweiskraft von Fingerabdrücken oder DNA-Spuren besitzen.

Dialekt lässt sich unterdrücken. Der Akzent bleibt

Im Gegensatz hierzu sollen Lados die Zugehörigkeit des Betreffenden zu einer Sprachgemeinschaft und damit indirekt die Glaubwürdigkeit seiner Herkunftsangabe prüfen. Zumindest im Falle Arabisch sprechender Flüchtlinge, die seit 2015 rund die Hälfte aller Asylbewerber in Deutschland ausmachten, können die Gutachter auf einen reichen Schatz linguistischer Forschungen zu den zahlreichen Dialekten dieser Sprache zurückgreifen, die von fast 300 Millionen Menschen als Muttersprache und von weiteren 100 Millionen als Zweitsprache gesprochen wird - von Marokko bis Usbekistan.

Die arabischen Dialekte sind auch kartographisch diffizil. Die Hauptgruppen sind hier farblich zu unterscheiden, Untereinheiten durch Buchstaben, andere Varianten durch Symbole. Eine senkrechte Schraffur bedeutet, dass nur ein Teil der Bevölkerung arabische Dialekte spricht. Somalia bleibt leer, weil dort Hocharabisch zwar eine der offiziellen Sprachen ist, aber keine Muttersprache. Es gibt kein somalisches dialektales Arabisch. Wenn Somalier in einem arabischen Dialekt reden, dann oft jemenitisch, weil es im Jemen viele Flüchtlinge aus Somalia gibt. Bilderstrecke
Die arabischen Dialekte sind auch kartographisch diffizil. Die Hauptgruppen sind hier farblich zu unterscheiden, Untereinheiten durch Buchstaben, andere Varianten durch Symbole. Eine senkrechte Schraffur bedeutet, dass nur ein Teil der Bevölkerung arabische Dialekte spricht. Somalia bleibt leer, weil dort Hocharabisch zwar eine der offiziellen Sprachen ist, aber keine Muttersprache. Es gibt kein somalisches dialektales Arabisch. Wenn Somalier in einem arabischen Dialekt reden, dann oft jemenitisch, weil es im Jemen viele Flüchtlinge aus Somalia gibt. :

Einen Eindruck von der Vielfalt der Dialektvarianten vermittelt der 2010 erschienene „Wortatlas der arabischen Dialekte“ der deutschen Orientalisten Peter Behnstedt und Manfred Woidich, aus dem mehrere der hier gezeigten Karten stammen. Das Mammutwerk fasst das gesammelte Wissen über die regionale Verwendung verschiedener Begriffe aus der Alltagssprache zusammen; ähnliche Kartensammlungen gibt es zu lokalen Eigenheiten der Aussprache. Sie belegen einerseits die große Variationsbreite in den Dialekten des Arabischen, die sich teils in etwa so stark unterscheiden wie das Deutsche vom Niederländischen. Gleichzeitig wird deutlich, wie schwierig die Aufgabe der Gutachter ist, sobald es nicht nur um grobe Unterscheidungen geht, wie im Fall eines Tunesiers, der sich als syrischer Bürgerkriegsflüchtling ausgibt, sondern beispielsweise um die Zuordnung zu unmittelbar benachbarten Ländern. Und weil auch die arabischen Dialekte im Wandel sind, lassen sich alte Daten nicht unbedingt auf junge Asylbewerber übertragen. Andererseits zeigt das Beispiel süddeutscher Politiker, die selbst nach vielen Dienstjahren in Berlin alles Mögliche können, außer Hochdeutsch, wie sehr sich die Herkunft eines Sprechers im Zungenschlag widerspiegeln kann. Die Herkunft verrät sich dabei auf verschiedenen linguistischen Ebenen, die in einer Lado allesamt wichtige Hinweise geben könnten. Als Faustregel gilt: Dialekt lässt sich unterdrücken, der Akzent aber bleibt.

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