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Krisenbewältigung : Bisweilen ist Schwarzmalerei wünschenswert

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Manchmal ist es besser, sich zu viele Sorgen zu machen. Bild: UC Riverside

Das Prinzip Hoffnung in allen Ehren. Aber für ein Gemeinwesen ist ein Quentchen Zweifel am guten Ausgang nicht selten besser als ein „das wird schon irgendwie gut gehen“. Diese Einstellung könnte auch bei der Bewältigung der Corona-Krise helfen.

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          Wenn etwas Überraschendes, aber keineswegs Unvorhersehbares passiert, zeigen sich die Grenzen und Scheuklappen individueller und kollektiver Erwartungsbildung. Bei einem negativen Ereignis, das zwar plötzlich, aber nicht ohne Vorwarnung eintritt, wird der Schock über den Schaden oder Verlust noch dadurch vergrößert, dass man sich doch eigentlich darauf hätte einstellen, vielleicht sogar dagegen hätte wappnen können. Die Covid-19-Pandemie war vorhersehbar: Die wenigsten hatten mit einer Pandemie genau zu diesem Zeitpunkt gerechnet, aber natürlich war das entsprechende Szenario im Prinzip schon seit Jahren in nationalen und internationalen Gremien diskutiert und in diversen Pandemieplänen zu Papier gebracht worden.

          Es ist kein Zufall, dass die ersten Reaktionen auf die Nachrichten über eine neue, Sars-ähnliche Infektionskrankheit in China eher verhalten bis entspannt ausfielen. Um sich vorzustellen, was passieren könnte, muss eine Art von Phantasie mobilisiert werden, die unter normalen Umständen weder gefragt noch sonderlich geschätzt wird: Die Fähigkeit, den schlimmsten Fall, das „worst case scenario“ zu denken – und sich auf ihn einzustellen.

          Ein gutes Ende malt man sich gerne aus ...

          Wie schwer es Individuen und Organisationen fällt, negative Ereignisse und Entwicklungen zu erwarten, untersucht die amerikanische Soziologin Karen Cerulo in ihrem Buch „Never Saw It Coming“. Sie schildert darin, wie sie Studenten in ihren Kursen zwei Fragen stellte: Was das Beste wäre, das ihnen passieren könnte, und was das Schlechteste. Die Antworten auf die erste Frage fielen nicht nur kreativer, sondern auch deutlich präziser aus. Recht genau benannten die Studenten konkrete Ereignisse und Entwicklungen, zum Beispiel nur beste Noten zu erreichen oder 100 Millionen Dollar im Lotto zu gewinnen. Bei der Frage nach der schlimmstmöglichen Zukunft hingegen waren die Antworten eher vage, häufig allgemein auf Tod oder Krankheit bezogen.

          Für Cerulo ist dies ein Beispiel für eine verbreite Verzerrung der Erwartungsbildung, die sie „positive Asymmetrie“ nennt. Kognitionspsychologische und kulturelle Faktoren führen dazu, dass es leichter fällt, die „besten“ Beispiele für kognitive Kategorien und soziale Rollen zu benennen. Man wird das Konzept „Auto“ nicht anhand der neuesten Designstudie für die Mobilität des nächsten Jahrhunderts erläutern, sondern anhand eines VW Käfers. Was einen Präsidenten ausmacht, wird nicht am zufällig aktuellsten Beispiel, sondern an idealisierten historischen Vorbildern abgelesen.

          Drohendes Unheil dagegen verdrängt man lieber

          In vielen sozialen Zusammenhängen ist die Neigung, die Erwartungen an Idealen zu orientieren, hilfreich oder sogar notwendig. Wer bei der Heirat primär den „worst case“ im Blick hat, lässt sich besser gar nicht erst darauf ein. Die Ausblendung negativer Zukunftserwartungen kann aber auch in zwischenmenschlichen Beziehungen dazu führen, dass man auf eigentlich vorhersehbare Krisen nicht eingestellt ist.

          Gesellschaftlich folgenreich wird positive Asymmetrie, wenn Organisationen sich nur auf günstige Entwicklungen einstellen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Geheimdienste, die trotz einschlägiger Hinweise nicht mit einem Anschlag rechnen; Unternehmen, die von einer ungebrochenen Begeisterung für ihre Produkte ausgehen; Gesundheitsministerien, die eine noch unbekannte Infektionskrankheit mit einer weitgehend harmlosen, aber bekannten gleichsetzen.

          Beispiele gelungenen Schwarzsehens

          Angesichts der potentiell katastrophalen Folgeprobleme positiver Asymmetrie stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, ihrem Gegenteil, nämlich der Schwarzmalerei, den ihr gebührenden Raum zu verschaffen. Cerulo identifiziert vier Bedingungen, um die Vorstellungskraft vom Bias positiver Asymmetrie zu emanzipieren. Erstens eine professionelle Dienstleistungsorientierung: Wer das Leben anderer verbessern möchte, kann sich nicht auf Hoffnungen verlassen, sondern prüft auch ungünstige Bedingungen. Diese befördert zweitens den Austausch von Informationen und Personal mit anderen Gruppen. Drittens ist formales Wissen hilfreich: Wenn Erwartungen expliziert sind, können sie leichter in Frage gestellt werden. Und viertens trägt professionelle Autonomie dazu bei, dass man sich vom Druck, nur gute Nachrichten zu verbreiten, eher distanzieren kann.

          Als Beispiele für gelungene „negative Asymmetrie“ nennt Cerulo die Antizipation möglicher EDV-Probleme mit Beginn des neuen Jahrtausends – und die erfolgreiche Eindämmung der ersten SARS-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003. In beiden Fällen trug die Entwicklung von „worst case“-Szenarien wesentlich dazu bei, dass die Lage ernst genommen und bewältigt wurde. Wer die Warnungen der Wissenschaft in der Covid-19-Pandemie für übertrieben hält, sollte sich daran erinnern – und sie als Korrektiv der ungebrochen positiven Asymmetrie der Mehrheit begrüßen. Damit es nicht so schlimm wird, muss jemand mit dem Schlimmsten rechnen.

          Quellenangabe

          Cerulo, Karen A. (2008): Never Saw It Coming: Cultural Challenges to Envisioning the Worst. Chicago: University of Chicago Press.

           

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