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Kultgeschichte des Geburtstags : Vom Mut, sich selbst zu feiern

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Als Kind kann man nicht genug Kerzen auf dem Geburtstagskuchen haben. Bild: Getty

Auf der ganzen Welt begehen Menschen heute ihren Geburtstag. Das war keineswegs immer so. Die Kulturgeschichte eines Fests.

          Für manche Menschen ist der eigene Geburtstag nichts anderes als ein Datum. Ob sie nun an diesem oder jenem Tag geboren sind, ob es damals schneite oder der Mond im dritten Haus stand, ist ihnen ziemlich egal. Erinnern können sie sich ohnehin nicht an den Tag ihrer Geburt. Außerdem lässt sie dieser Tag in seiner Wiederkehr numerisch altern, bringt sie Jahr für Jahr dem Ende ein Stückchen näher. Was, bitteschön, soll’s da zu feiern geben?

          Mehr, als man denkt. Neben Kerzen, Kuchen und Geschenken ist das Geburtstagsfest nichts weniger als eine Errungenschaft der Moderne. Oder, pathetischer formuliert: Wer zum Geburtstag einlädt, feiert damit automatisch die Werte der Aufklärung.

          Ein Untertan feiert seinen Herrn, aber nie sich selbst

          Ein bloßer Untertan jedenfalls wäre niemals auf den Gedanken gekommen, sich selbst zu feiern; höchstens seinen weltlichen, geistlichen oder göttlichen Herrn. Bevor man das Ich preisen konnte, musste man es erst einmal erkennen. Wenn wir heute also selbstverständlich des Datums unserer Geburt gedenken, zelebrieren wir uns als freie, aufgeklärte, selbst denkende Individuen, die nicht mehr unter der Knute irgendeines Herrschers stehen. Celebrari aude – habe den Mut, dich selbst zu feiern.

          Diese Sicht vertritt jedenfalls der Kunstwissenschaftler Stefan Heidenreich in seinem neuen Buch („Geburtstag. Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern“, erschienen bei Hanser). „Im Feiern des Geburtstags zeigen wir uns als moderne Subjekte“, schreibt er. Es sei jedenfalls kein Zufall, dass ausgerechnet in der Zeit der Aufklärung die Menschen quer über fast alle Stände und Klassen hinweg begannen, ihren Geburtstag zu begehen. Heidenreichs Recherchen zufolge scheint sich dieses Fest für alle Gesellschaftsschichten zuerst im deutschen Raum verbreitet zu haben. Nur der wohlhabende Adel zelebrierte es schon deutlich früher. Demnach waren es vor allem Kindergeburtstage, die sich mit den deutschen Auswanderern weltweit verbreiteten und mit ihnen die heute noch bekannten Bräuche wie Kuchen mit Nüssen und Kerzen zum Ausblasen. Neue Traditionen kamen hinzu, einige davon schräg bis bizarr.

          Mit dem Datum nahmen es die Römer nicht so genau

          Originär deutschen Ursprungs ist der Geburtstag allerdings nicht. Die Römer feierten ihre Geburtstage so ausschweifend, wie sie das ganze Jahr hindurch eigentlich immer einen Anlass für ein Fest fanden. Freunde wurden eingeladen, Gedichte vorgetragen, häufig öffentlich auf der Straße vor dem Haus. Natürlich gab es Wein, aber auch Kuchen und Geschenke. Nur mit dem exakten Datum nahmen es die Römer nicht so genau, Jahre zählten sie ohnehin nicht.

          Die älteste Überlieferung stammt vom Dichter Ovid. In seinem Exil am Schwarzen Meer schildert er das private Geburtstagszeremoniell zu Ehren seiner Frau. Ovid legt Weihrauchharz in eine Opferstelle und gießt unverdünnten Wein ins Feuer. Dass die Gemahlin wahrscheinlich nicht anwesend ist, ist für das Ritual unwesentlich. „Es war im alten Rom durchaus üblich, den Geburtstag nahestehender Menschen auf diese Weise zu begehen“, schreibt Heidenreich. Denn das Opfer gilt nicht der Person, sondern ihrem Schutzgott – dem Genius bei Männern und der Juno bei Frauen. Diese waren auch anwesend, wenn das Geburtstagskind fehlte.

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