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Kultgeschichte des Geburtstags : Vom Mut, sich selbst zu feiern

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Die logische Entsprechung in der Genealogie der Parallelwesen ist die unsterbliche Seele. Da die Ewigkeit aber keine Zeit kennt, kennt sie auch keinen Geburtstag. Das persönliche Geburtstagsfest war für viele Jahrhunderte quasi gestorben. Die Christen übernahmen zwar eine Reihe von Festen, die aber mehr den Charakter eines Jubiläums oder Gedenkens hatten. Einen Termin jedoch erfanden sie neu: die Geburt Jesu. Die Tradition der Weihnacht taucht erstmals im vierten Jahrhundert auf, über das exakte Jahr und den Tag wird bis heute gestritten. Ohne Weihnachten jedoch hätte es das private Geburtstagsfest viel schwerer gehabt, sich tausend Jahre später wieder zu etablieren.

Ohne den Kalender kein Geburtstag

Mit der Verehrung von Religionsgründern wie Jesus begannen auch anderswo neue Zeitrechnungen. Der älteste Geburtstag ist der des Propheten Zarathustra. Auf sein Geburtsjahr 1737 vor Christus hat man sich erst 1990 verbindlich festgelegt. Buddhisten hingegen beginnen ihre Zeitrechnung mit dem Tod von Siddartha Gautama 544 Jahre vor Christi Geburt. Vesakh ist der höchste buddhistische Feiertag, er erinnert an die Geburt, die Erleuchtung und das Verlöschen des Buddhas. Zeitlich am besten belegt ist Mohammeds Geburt um das Jahr 570 nach christlicher Zeitrechnung.

Der Kalender war eine Grundvoraussetzung, um Geburtstage überhaupt zu dokumentieren. Vor 1600 kannten nur sehr wenige Menschen ihr Geburtsdatum, und heute noch wird jedes vierte Kind geboren, ohne dass es notiert wird. Im 17. Jahrhundert hatten die Staaten jedenfalls ihre Verwaltung noch nicht auf die Daten ihrer Bürger ausgedehnt, es war schlicht zu aufwendig. Die Buchführung oblag der Familie. Hier tat sich bald etwas, wie der französische Historiker Philippe Ariés berichtet. Im Elsass und in den deutschsprachigen Gebieten war es bereits im 16. Jahrhundert üblich geworden, ein Hausbüchlein zu führen, in dem wichtige Ereignisse wie eine Geburt festgehalten wurden.

Bis die Geburtstage der einfachen Leute systematisch erfasst wurden, dauerte es noch. Die Kirche hatte wenig Interesse, sie sammelte stattdessen Taufbücher. Erst als sich der Staat um die Daten seiner Untertanen kümmerte, wurden große Register erstellt. Das war natürlich nicht uneigennützig: Die Herrschenden wollten wissen, wie viele Steuern sie erheben konnten und wann sie die Jungen in die Armee einziehen konnten. Die Ersten, die mit einem stehenden Heer Erfolg hatten, waren die Schweden. Ohne die systematische Verwaltung und Erfassung der Geburtstage der eigenen Leute wäre das bevölkerungsarme Land nie in der Lage gewesen, über Jahrzehnte hinweg Kerneuropa zu dominieren. Frankreich zog bald nach, und anschließend auch die Preußen. Nach dem Vorbild des Code civil war es von 1837 an Pflicht, jede Geburt eines Kindes zu melden.

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