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Gesellschaftswandel : Wie flexibel sind Gesellschaften wirklich?

  • -Aktualisiert am

Einstellungen im Wandel: Eine Frau demonstriert in Pristina für mehr Rechte für Homosexuelle und Transgender. Bild: AFP

Eine Studie weckt Zweifel an der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften. Weil ältere Menschen ihre Überzeugungen kaum noch änderten, ergebe sich ein kultureller Wandel erst mit der heranwachsenden neuen Generation.

          3 Min.

          In der modernen Gesellschaft ist nichts so beständig wie der Wandel. Die Nachrichten von gestern interessieren heute niemanden, und die Wahrheiten von heute können morgen bereits widerlegt sein. Kaum ist eine Partei an der Regierung, wird der Ruf nach Erneuerung laut. Das ruft ambivalente Reaktionen hervor: Die einen preisen Disruption und Innovation, während andere die Entwertung des Bestehenden und die zunehmende Beschleunigung beklagen.

          Apologeten wie Kritiker des Wandels gehen meist unhinterfragt davon aus, dass er tatsächlich tiefgreifende Folgen hat. Vor allem Einstellungen und Meinungen, so suggeriert zumindest die große Zahl immer neuer Umfragen, scheinen ständig im Fluss zu sein.

          Eine aktuelle Studie zweier amerikanischer Soziologen gibt Anlass, an der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit von Einstellungen und einem entsprechenden kulturellen Wandel zu zweifeln. Anhand von Daten des General Social Survey (GSS) aus den Jahren 2006 bis 2014 überprüfen die Forscher, ob und wie nachhaltig sich die Einstellungen zu einer Reihe unterschiedlicher Fragen verändert haben.

          Umwelteinflüsse oder Beständigkeit?

          Die insgesamt 183 Fragen, die Gegenstand der Untersuchung waren, bezogen sich unter anderem auf soziale Kontakte und Medienkonsum, Religion, Waffenkontrolle und Kriminalität, Erziehung und Sexualität, Minderheiten- und Frauenrechte, ethnische Vorurteile sowie Staatsaufgaben und -ausgaben. Zu diesen Themen gaben Befragte im Abstand von jeweils zwei Jahren insgesamt dreimal Auskunft. Es kann somit präzise nachvollzogen werden, ob individuelle Einstellungen sich verändert haben oder stabil geblieben sind.

          Auf die Frage, ob und wann sich Einstellungen verändern, finden sich in der soziologischen und sozialpsychologischen Literatur unterschiedliche Antworten: Die einen gehen von einem starken Einfluss der sozialen Umwelt auf die Einstellungen aus, die sich dementsprechend anpassen.

          Die anderen argumentieren, dass bereits in jungen Jahren geformte Einstellungen sich später nicht mehr grundlegend ändern. Diese beiden Modelle schließen sich nicht wechselseitig aus: Zum Beispiel könnten manche Einstellungen schon früh festgelegt und dann relativ beständig, andere hingegen wiederholtem Wandel unterworfen sein.

          Wandel hauptsächlich bei jüngeren Befragten

          Die Analyse der Umfragedaten zeigt in erster Linie ein hohes Maß an Stabilität der Einstellungen. Etwa vierzig Prozent der erhobenen Einstellungen blieben komplett unverändert. Weniger als ein Prozent der Befragten änderten ihre Einstellungen in einem Zweijahreszeitraum zwischen den Befragungswellen. Darüber hinaus findet Wandel hauptsächlich bei den jüngeren Befragten statt, während Ältere an ihren gefassten Meinungen festhalten.

          Wissen war nie wertvoller

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          Letztendlich gibt es aber kein eindeutiges Muster, welche Arten von Einstellungen eher geändert und welche eher beibehalten werden. Ein Kernbereich von Überzeugungen zu Geschlechterrollen, familiären Fragen und zu ethnischen Beziehungen ändert sich unter Erwachsenen praktisch nicht mehr. Am ehesten lassen sich Veränderungen bei Themen beobachten, die in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden.

          Im Untersuchungszeitraum änderten sich zum Beispiel auf die Wirtschaft bezogene Einstellungen wie das Vertrauen in die Banken oder die Zuversicht, einen guten Arbeitsplatz zu finden – ganz offensichtlich unter dem Eindruck der Finanzkrise. Allerdings betrafen auch diese Veränderungen nicht mehr als fünf Prozent der abgefragten Einstellungen. Andere Änderungen waren in hohem Maße reversibel: So wechselten manche Befragte zwar ihre Meinung in Fragen der Abtreibung oder der Geschlechterrollen zwischen zwei Befragungen innerhalb von zwei Jahren – kehrten dann aber wieder zu ihrer anfänglichen Haltung zurück.

          Am meisten Bewegung bei Einstellungen zu „gay rights“

          Am meisten Bewegung konnte in den Einstellungen zu „gay rights“ beobachtet werden. Eine breite und nachhaltige öffentliche Debatte, zum Beispiel über gleichgeschlechtliche Partnerschaften, führt offenbar zu mehr Flexibilität – vielleicht auch deshalb, weil sie Gelegenheit gibt, andere beim Einstellungswandel zu beobachten.

          Das Fundament der Festigung und des Wandels von Einstellungen ist aber die Abfolge der Generationen: Die Leute ändern sich nicht wirklich, sondern sie sterben und werden durch neue Kohorten mit anderen Ansichten ersetzt. Für politische Einstellungen und Loyalitäten bedeuten diese Ergebnisse, dass die ideologische Orientierung sich ab dem 30. Lebensjahr kaum noch verändert.

          Daraus ergibt sich zwar – entgegen mancher Befürchtungen – keine zwangsläufige Polarisierung in meinungsmäßig hochintegrierte Lager, da es in Detailfragen jenseits einiger „core beliefs“ wenig Konsistenz gibt. Doch die Stabilität dieser Grundüberzeugungen steht in deutlichem Kontrast zu einer Politik, die ihre Aufgabe darin sieht, auf Stimmungsänderungen und Meinungsumfragen zu reagieren. Wem Veränderung am Herzen liegt, der sollte nicht in Legislaturperioden, sondern in Generationen denken.

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