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Korruption im Alltag : Welche Bestechungsversuche zum Erfolg führen

  • -Aktualisiert am

Wichtige Akten für die Genehmigungsbehörde. Bild: picture alliance / ZB

Wie kommunizieren Menschen, wenn sie versuchen, jemand anderen zu bestechen? Forscher haben Websites mit anonymen Erfahrungsberichten ausgewertet. Besonders beliebt: Die sogenannte Sandwich-Technik.

          3 Min.

          Bei dem Wort Korruption denken wir zumeist an das öffentlich skandalisierte Fehlverhalten großer Firmen, manchmal auch politischer Parteien und immer der offenbar eigens dafür angestellten Funktionäre des Weltfußballs. Wir denken also an das Verhalten anderer. Aber natürlich ist die Korruption auch ein Alltagsverhalten, an dem viele teilnehmen, die sich in solchen Skandalen ereifern. Versuche, den Schutzmann bei der Verkehrskontrolle oder den Schaffner im angeblich überfüllten Nachtzug mit unerlaubten Mitteln günstig zu stimmen, sind keine Seltenheit.

          Im Internet gibt es inzwischen eine Vielzahl hoch spezialisierter Seiten, die nur dazu dienen, über solche Alltagserfahrungen mit Bestechungsversuchen zu berichten. Korruptionsforscher können diese Zeugnisse der Geständnisfreude auch als Datenbasis für wissenschaftliche Untersuchungen nutzen. Verglichen mit der Methode des Interviews, bieten sie sogar wichtige Vorteile. Nicht nur dass sie von eigener Erhebungsarbeit entlasten; die anonymen Informanten stehen auch nicht in Verdacht, sich vor dem Forscher besser machen zu wollen, als sie eigentlich sind. Und außerdem pflegen sie die Erfolge und Misserfolge ihrer Bestechungsversuche mit so viel Zusatzinformation über den jeweiligen Kontext auszubreiten, dass man hoffen kann, durch statistische Auswertung die erfolgskritischen Faktoren zu isolieren.

          Heimlichkeit ist nicht die Hauptsache

          Auf einer jener Internetseiten geht es um die Frage, was ein Hotelgast in Las Vegas tun kann, um ein besseres Zimmer zu erhalten, ohne den dafür üblichen Aufpreis zu zahlen. Vor einigen Jahren haben zwei Betriebswirte knapp 900 Antworten auf diese Frage ausgewertet, und das wichtigste Ergebnis besagt, dass man über den beabsichtigten Deal besser nur indirekt kommuniziert. Statt gleich beim Einchecken zu sagen, dass man jederzeit bereit wäre, die für diesen Zweck aufzuwendende Summe von zwanzig Dollar zu zahlen, empfiehlt sich die anschaulich sogenannte Sandwich-Technik: Der Geldschein wird dann zwischen den Seiten eines Dokumentes versteckt, das bei dieser Gelegenheit ohnehin überreicht und geprüft werden muss.

          Aber warum wird gerade diese Technik so gern angewandt? Die beiden Betriebswirte tippen hier auf Geheimhaltungsinteressen, in denen sich das schlechte Gewissen der Beteiligten verrate. Und natürlich wäre es peinlich, wenn der eine Hotelgast sein Bestechungsgeld für das Upgrade lauthals als solches anböte, während seinem Nachbarn am Rezeptionstresen der offizielle Aufpreis abverlangt wird. Aber auch dem isolierten Polizisten, der mitten in der Nacht einen gleichfalls isolierten Verkehrssünder anhält, wird das Bestechungsgeld mitunter versteckt offeriert, und hier wäre die Furcht vor Zuschauern kein mögliches Motiv.

          Indirekte Kommunikation

          Anzunehmen, das Verstecken des Geldscheins diene nur dazu, den verbotenen Handel zu verbergen, müsste die Handelseinigkeit der Beteiligten unterstellen, aber in Wahrheit liegt genau hier das Problem. Woher will man wissen, wie der Unbekannte, den man vor sich hat, auf den Bestechungsversuch reagiert? Bestechungsversuche sind gewagte Kommunikationen, denn die Gesellschaft begünstigt den, der das unmoralische Angebot ablehnt. Für den Zurückgewiesenen ist eine solche Ablehnung nicht nur peinlich; sie kann seine Lage auch merklich verschlechtern. Rechtstreue Polizisten mögen es beispielsweise überhaupt nicht, wenn sie sich als käuflich eingestuft sehen.

          Von Erving Goffman, auf den die Autoren sich für ihre Geheimhaltungsthese berufen, hätten sie lernen können, dass es gerade Initiativen von hoher Erfolgsungewissheit sind, die den Rückgriff auf indirekte Kommunikation nahelegen. Indirekt ist eine Kommunikation, die gemeint zu haben man bestreiten kann. Wer indirekt kommuniziert, kommuniziert unverantwortlich, und gerade diese Unverantwortlichkeit erleichtert es ihm, Risiken einzugehen, weil er bei Ablehnung des Vorschlags dementieren kann, ihn überhaupt gemacht zu haben. Der Absender einer indirekten Kommunikation muss also nicht fürchten, dass der Empfänger ihm mit berechtigten Vorwürfen kommt. Die Sandwich-Technik bietet genau diesen Vorzug, denn wenn der Adressat sich empören wollte, könnte der Absender jederzeit behaupten, die Geldscheine seien unbemerkt in das Dokument gelangt. Und entsprechend kann der Adressat jederzeit so tun, als hätte er den Bestechungsversuch gar nicht bemerkt. Das geschieht zum Beispiel, wenn die Hotelangestellten den ihnen zugedachten Geldschein so zurückgeben, als wäre er dem Absender nur versehentlich zwischen die Papiere geraten.

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