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Philologischer Methodenstreit : Als es noch Ritter gab

Ist das Tradition? In Dongguan hat der Konzern Huawei eine Nachbildung des Heidelberger Schlosses errichtet. „Und jeden blickts wie seine Heimat an, / Und keinem hat der Zauber noch gelogen“, heißt es bei Eichendorff. Bild: dpa

Versuche, Eichendorffs Nachspiel der Revolution zu verstehen: Die Romanisten Gerhard Poppenberg und Andreas Kablitz duellieren sich in Heidelberg.

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          „Der grobe Ton“ – unter diesem Titel publizierte Thomas Steinfeld schon vor 28 Jahren eine Verlustanzeige. Was ist in den Geisteswissenschaften aus der Schärfe der Kritik geworden, die um der Klärung des Strittigen willen geboten sein kann?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Organisation der Wissenschaft ist seitdem förmlich von Konfrontation auf Kooperation umgestellt worden. Wechselseitige kollegiale Beurteilung findet heute hauptsächlich vor dem Publizieren statt. Dass negative Entscheidungen im System der Vorklärung durch Dauerbegutachtung nicht ganz zu vermeiden sind, dürfte ein zusätzlicher Grund sein, öffentlichen Streit zu vermeiden. Die fatalistische Gewöhnung an den milden Ton geht mit einem Unbehagen einher, das erklärt, warum die Kontroverse zwischen den Romanisten Gerhard Poppenberg und Andreas Kablitz Aufmerksamkeit weit über ihr Fach hinaus gefunden hat.

          Poppenberg veröffentlichte im vergangenen Jahr bei Matthes & Seitz das Bändchen „Herbst der Theorie“, in dem er an dem von Kablitz 2013 publizierten Buch „Kunst des Möglichen. Theorie der Literatur“ alles festmacht, was seiner Ansicht nach in den Geisteswissenschaften im Argen liegt. Ungewöhnlicherweise trug Poppenberg seine Fundamentalkritik als Psychogramm eines „Sozialcharakters“ vor. „Kablitz ist eine Figur der Reaktion, die in der alten BRD den Marschton des geistigen Lebens angab und in der neuen Republik in Form von Gremienarbeit und Stellenpolitik, Publikationsorganisation und Wissenschaftsmanagement weiterhin bestimmt, was intellektuell zulässig sein soll.“ Mit Anekdoten aus der gemeinsamen Qualifikationszeit an der Freien Universität Berlin machte Poppenberg deutlich, dass die im gelehrten Disput verpönten Argumente zur Person in diesem Fall die Sache treffen sollen.

          Nutzen und Nachteil des Poststrukturalismus

          Was war der Gegenstand des Streits? Nutzen und Nachteil der mit dem Schlagwort des Postmodernen bezeichneten Theorien für die Literaturwissenschaft. Bei Kablitz machte Poppenberg „einen intellektuellen Habitus“ aus, „dem jede Form von Vielfalt unerträglich ist, der Alterität als bedrohende Störung des Eigenen wahrnimmt und sich an Konvention und Regel, Ordnung und Sicherheit, begründet durch Autorität, orientiert“. Kablitz antwortete in der „Welt“ und brachte seinerseits einen groben Keil zum Einsatz, indem er Poppenberg einer akademischen Ideologie zuschlug, deren Zweifel an der Wahrheitsfähigkeit der Wissenschaft den Boden für Donald Trump bereitet habe.

          Es versteht sich nicht von selbst, dass die Akteure eines solchen Streits zu einer öffentlichen Aussprache zusammengetroffen sind. Sie fand in Heidelberg statt, an Poppenbergs Universität, deren Promotionskolleg „Was ist Tradition?“ seine mehrjährigen Beratungen zu einem unfeierlichen Abschluss zu bringen gedachte, indem es Poppenberg und Kablitz einlud, ihre widerstreitenden Auffassungen von Interpretation an einem gemeinsamen Untersuchungsgegenstand zu entwickeln.

          Als Testbeispiel wurde ein reichlich obskures, Interpretation daher mutmaßlich belohnendes Werk eines Klassikers ausgesucht, das Versepos „Robert und Guiscard“, ein Spätwerk von Joseph von Eichendorff. Es erzählt von zwei feindlichen Brüdern in der Französischen Revolution, mit schauerromantischen Volten des Rollentauschs zwischen Leben und Tod. Das glückliche Ende wird gelegentlich separat gedruckt: eine hymnische Beschreibung der Stadt Heidelberg, wo der königstreue Bruder Zuflucht in einer beschaulichen Existenz findet. Zwei anregende, gründliche Deutungen kamen zum Vortrag.

          Verwirrung im Publikum

          Ein Duell zwischen den Interpretationslehren des radikalen Konstruktivismus und einer Hermeneutik im Rahmen der Tradition hatte der Germanist Dirk Bulang den Zuhörern in Aussicht gestellt. Der eine Deutungsvorschlag leitete fast alles aus der christlichen Tradition her, dem Mysterienspiel der Gegenreformation und der Rezeption des Johannesevangeliums bei Petrarca. Die Alternativdeutung entdeckte zwischen den treuherzig gereimten Versen Spuren einer radikalisierten Erkenntnistheorie: Eichendorff überbiete Kants Lehre vom Ding an sich. Hier war sehr viel von Ambivalenzen die Rede.

          Das Publikum war verwirrt. Hatte man eine Reprise der Verwechslungshandlung des Gedichts erlebt? Der Motiverklärer, der mit der Bibel im Tornister den Marsch in die hermeneutische Reaktion antrat, war Poppenberg. Und Kablitz blickte aus dem Spiegel von Eichendorffs verklärtem Naturbild der Abgrund der modernen Subjektivität an. Die Wahrheit über das Experiment ist prosaisch. Poppenberg hatte gekniffen. Er machte gar keine Anstalten, die postmoderne Doktrin der Vieldeutigkeit aller Literatur zu verteidigen. Unwidersprochen konnte Kablitz demonstrieren, dass man Vieldeutigkeit als Eigenschaft bestimmter Texte zu verstehen hat.

          Robert Guiscard war ein Normannenfürst. Indem Eichendorff den Namen teilte und auf seine Helden verteilte, legte er den Interpreten nahe, hinter den Prinzipien des Bruderkriegs eine Einheit zu vermuten, deren Platzhalter das „und“ des Titels sein müsste. Von Poppenberg und Kablitz könnte nur ein komisches Epos handeln, denn die Konjunktion würde auf nichts verweisen.

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