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Konferenzkulturen : Ungehaltene Reden

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In dem Film „Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph“ von Christoph Rüter geht es nicht nur um die literarischen Werke des Protagonisten, sondern auch um dessen Rückzug aus der Welt der Wissenschaft. Bild: Patrick Popow

Das Problem mit geisteswissenschaftlichen Kongressen besteht nicht erst seit gestern. Auch der „unsichtbare Philosoph“, Hans Blumenberg, hat sich mit einer Lösung auseinandergesetzt – die allerdings nicht ewig hielt.

          Im Untertitel des Films über Hans Blumenberg (1920 bis 1996), der jetzt durch die Kinos geht, heißt er „der unsichtbare Philosoph“. Damit ist nicht nur auf die geringe Resonanz seines ungeheuren Werkes zu Lebzeiten angespielt, sondern auch auf den früh einsetzenden Rückzug des unermüdlichen Buchautors aus dem Wissenschaftsbetrieb. Eine unlängst erschienene Untersuchung zeigt uns demgegenüber den jungen Blumenberg, dem man nicht zu nahe tritt, wenn man ihn einen Wissenschaftsorganisator nennt.

          Neben dem Romanisten Hans Robert Jauß gehörte auch Blumenberg zu den Gründungsfiguren jener Forschungsgruppe aus Literaturwissenschaftlern und Philosophen, die sich seit Beginn der sechziger Jahre zu einer Reihe von Tagungen zusammenfand, um unter der Doppelformel „Poetik und Hermeneutik“ über Themen der ästhetischen Theorie und der Geschichtsphilosophie zu diskutieren. Die stattlichen Tagungsbände aus Vorträgen und Diskussionsprotokollen gelten heute als Meilensteine geisteswissenschaftlicher Forschung, und als eine der Grundlagen dieses Erfolges gilt die intelligente Tagungsorganisation, die wiederum maßgeblich durch Blumenberg angeregt wurde.

          Das Loslassen der Vergangenheit und die Vermeidung von Wiederholungen

          Die Besonderheit dieser Diskussionen wird deutlich, wenn man sie mit einer Tagungstypologie vergleicht, welche die amerikanische Ethnologin Margaret Mead gegen Ende der sechziger Jahre publizierte. Ihr erst vor wenigen Jahren neu aufgelegtes Buch beginnt mit einer Kritik der wissenschaftlichen Großtagung, an der sie zwei Schwächen hervorhebt. Die eine liege im Vorrang der schriftlichen vor der mündlichen Kommunikation: Es würden Texte, die nach Länge und Dichte eigentlich für den Buchdruck bestimmt seien, einem zugleich wehrlosen und überforderten Publikum vorgelesen, mitunter gefolgt von einer Kritik des Vortrags, die ihm an Dichte, und oft auch an Länge, keineswegs nachstehe. Gebunden an diese Vorlagen, könnten die Redner aber weder aufeinander noch auf das Publikum reagieren.

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          Eine zweite Schwäche liege darin, dass die Einladungspolitik einer Art von Proporzdenken folge. Die Wissenschaftler würden nicht als lernfähige Individuen eingeladen, sondern als Gruppenvertreter, die dann etwa ihr eigenes Fach oder die Lehrmeinung ihrer eigenen Schule zu repräsentieren hätten. Belohnt werde damit aber gerade nicht die Offenheit des Urteils, sondern die Treue zu einer bereits eingenommenen Position. Kein Wunder, so Mead, dass es dann oft bei der Wiederholung von schon Bekanntem bleibe und die offiziell doch gerade gesuchten Annäherung der verschiedenen Lager nicht recht vorankomme.

          Zum Ausgleich solcher Schwächen empfiehlt Mead die kleine wissenschaftliche Konferenz. Ihr Prinzip besteht darin, die Bindungen der Teilnehmer an die eigene Vergangenheit so stark zu lockern, dass sie aufeinander und auf die Gesprächsentwicklung reagieren können. Daher gibt es auf diesen Tagungen kein passives Publikum, das eine Wiederholung der schon gedruckten Meinung anmahnen könnte. Daher werden bekannte Konfliktgegner nicht oder jedenfalls nicht gemeinsam eingeladen, weil das den Konflikt nur reproduzieren würde. Und daher halten die Beteiligten einander auch keine Vorträge, sondern steigen direkt in das Gespräch ein. Auch diese Form der wissenschaftlichen Tagung hat freilich ihre Schwächen. Als Wissenschaftsgeselligkeit mag sie das gegenseitige Kennenlernen der Personen und vielleicht auch ihre Gewöhnung an fachliche oder nationale Besonderheiten erleichtern, aber sie hat keine greifbaren Erträge, und damit sind auch breitere Rückwirkungen auf den Forschungsprozess ausgeschlossen.

          Die kleine Gruppe um Blumenberg umging dieses Problem, indem sie Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf intelligente Weise verband. Die eigentliche Innovation von „Poetik und Hermeneutik“ lag in der Idee der ungehaltenen Rede. Die Vorträge der Tagungsteilnehmer wurden nicht vorgelesen, sondern vorher an alle Teilnehmer verschickt. Die Zusammenkünfte selbst waren als Diskussion über gemeinsame Lektüren und als Vorbereitung einer gemeinsamen Publikation angelegt, und das hat sie davor bewahrt, sich in bloßer Geselligkeit zu erschöpfen. Zugleich konnten diese „Vorträge“, entlastet von der Rücksicht auf ein anwesendes Publikum, von einer Länge und Gründlichkeit sein, die man keinem Vortragenden jemals gestatten würde, und das wiederum kam dem Niveau der Diskussionen zugute.

          Schließlich wurden die Gespräche nicht einfach wortwörtlich dokumentiert, mit allen Zufälligkeiten der Situation, sondern vorher erst noch aufwendig redigiert und dabei um weitere Beiträge ergänzt. Dabei wurden die hinzugefügten Beiträge des einen Teilnehmers mitunter auch einem anderen in den Mund gelegt, und genau diese Unbekümmertheit in Fragen des geistigen Eigentums führte schließlich dazu, dass Blumenberg die Gruppe als einer der Ersten verließ.

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