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Soziale Systeme : Die Schonung aller durch alle

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Redliche Rücksichtslosigkeit kann sich ein Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki (1920 bis 2013) leisten. Bild: dpa/dpaweb

Schriftsteller sind selbst meist keine ehrlichen Rezensenten der Werke anderer Literaten. Jedenfalls nicht in den Fällen, wo das wichtig wäre.

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          Haben die Schriftsteller es eigentlich verdient, dass man ihnen nachsagt, einander kein Auge auszuhacken? Trifft es also zu, dass sie aus Furcht davor, sich ihre Kollegen zu Feinden zu machen, über deren Bücher, auch die misslungenen, immer nur Freundliches mitteilen und so das Publikum irreführen?

          Die Erfahrung, wonach man den Kollegen nicht hart kritisieren kann, ohne ihn zur Rache zu reizen, reicht bis in die Anfänge der modernen Literaturkritik zurück. Damals schützte man den Autor der Kollegenschelte, indem man seinen Namen geheim hielt. Diese Lösung, die in den Gutachterverfahren der wissenschaftlichen Fachzeitschriften nach wie vor in Gebrauch steht, ist aus der Literaturkritik schon seit Langem verschwunden. Stattdessen wurde die soziale Rolle des reinen Literaturkritikers erfunden, der sich als Journalist ohne literarische Ambition von der kollegialen Anerkennung der Schriftsteller unabhängig weiß und diese darum nicht schonen muss. Natürlich macht sich auch der professionelle Kritiker unbeliebt, wenn er unnachsichtig urteilt, doch das bedeutet für ihn kein persönliches Risiko mehr: Nur das Publikum muss ihn schätzen, das seinem Werturteil traut, nicht aber die Autoren, denen es gilt.

          Zwei Bücher über die Schwierigkeiten der Kollegenkritik unter Schriftstellern sind unlängst erschienen. In dem ersten, der Neuauflage eines Interviews, das der Literaturwissenschaftler Peter von Matt einst mit Marcel Reich-Ranicki führte, wiederholt Letzterer jene These über die Solidarität der Krähen: Die gegenseitigen Abhängigkeiten der Schriftstellern seien so groß, dass sie ein sachgerechtes Urteil in vielen Fällen verhinderten. Dann bekomme man entweder eine Kritik zu lesen, die literarisch Mittelmäßiges zu Meisterwerken emporlobe, oder jenen wohlbalancierten Tadel, der sich auch angesichts misslungener Bücher um den eigentlich fälligen Verriss ängstlich herumdrücke. Es liegt auf der Hand, dass solche Einwände, vorgetragen von gerade diesem Literaturkritiker, eine Rechtfertigung seiner eigenen Rauflust ergeben. Aber könnten sie nicht gleichwohl zutreffend sein?

          Freundliche Worte für noch so schlechte Bücher

          Knapp vierzig amerikanische Schriftsteller, die gelegentlich Buchkritiken für verschiedene angesehene Zeitungen schreiben, hat die amerikanische Soziologin Phillipa K. Chong mit dem Reizthema der Gefälligkeitskritik konfrontiert. Die Antworten, die ihr lesenswertes Buch ausbreitet, ergeben ein durchaus differenziertes Bild.

          Die Vorstellung vom Lob auf Gegenseitigkeit gilt offenbar vor allem für eine Mittelschicht von eta­blierten Schriftstellern, die weder zu den Neulingen noch zu den Superstars der Branche gehören. Sie haben einen Verlag gefunden und publizieren erfolgreich, aber längst so sehr, dass die Aussicht auf einen Literaturpreis, Gelegenheiten zum Nebenverdienst oder eine weitere Besprechung ihres jüngsten Buches sie kaltlassen würden. Über all dies aber gebieten die werten Kollegen, und das zügelt den Hang des Kritikers zur harten Formulierung, selbst wenn sie von der Sache her angebracht wäre. Auch für das noch so schlechte Buch findet er freundliche Worte, und wo sie doch weniger freundlich sind, fügt er ihnen abwiegelnd hinzu, dass es ja nur seine persönliche Meinung sei. Unter diesen Umständen kann es punktuelle Einwände, aber keinen Verriss geben.

          Etwas anderes gilt, wenn der eta­blierte Schriftsteller nicht seinesgleichen zu bewerten hat, sondern Debütanten. Dann scheint ihm noch größeres Wohlwollen angebracht, hier aber nicht, weil er auf eine Erwiderung hoffte, zu welcher der Neuling, dieser Habenichts an Einfluss und Macht, ja gar nicht imstande wäre. Zu schonen ist der Neuling vielmehr deshalb, weil es schlechter Stil wäre, von oben nach unten zu treten. Die ganz schlechten Debüts werden aufgrund dieser Beißhemmung dann freilich gar nicht besprochen, und dagegen gibt Chong zu bedenken, dass sie dem glücklosen Novizen die Lernchancen nimmt.

          Haben wir es also mit einer Ordnung zu tun, die auf der Schonung aller durch alle beruht? Nicht ganz, denn es gibt ja auch noch die Dichterfürsten an der Spitze der Hierarchie, Leute wie Toni Morrison oder Philip Roth, und die sind zum Abschuss freigegeben. Sie verfügen über ein großes und treues Publikum, das ihre Bücher auch gegen das Votum von Kritikern liest. Auch der noch so unbarmherzige Verriss kann hier also keine Schäden anrichten, für die sein Autor sich schämen müsste, und sollte es den Superstar gleichwohl nach Rache gelüsten, dann würde auch ihn jene Konvention hindern, das Treten nach unten zu unterlassen. So ist die Kollegenkritik also gerade dort am freiesten, wo sie am wenigsten zu bewirken vermag. Auch darum ist es gut, dass es daneben auch noch den reinen Literaturkritiker gibt, der auch die Etablierten selbst nicht verschonen muss.

          Literatur:

          Marcel Reich-Ranicki: Der doppelte Boden. Ein Gespräch über Literatur und Kritik mit Peter von Matt, Zürich 2020.

          Phillipa K. Chong: Inside the Critic’s Circle. Book Reviewing in Uncertain Times. Princeton 2020.

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