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Das Geheimnis des Klatschens : Und jetzt alle!

  • -Aktualisiert am

Und nun die Hände zum Himmel: Wenn einer klatscht, stimmen die anderen mit ein. Bild: F1online

Es wird geklatscht – in Konzerthallen, beim Open-Air, im Theater – und nach ganz verschiedenen Regeln. Warum eigentlich?

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          Das Licht geht aus. Ein Moment der Stille. Gerade noch hat der Schauspieler vom Tod gesprochen – und das Publikum tief berührt. Erst mit Verzögerung setzt Applaus ein und wird allmählich lauter. „Der Beifall gibt uns die Möglichkeit, diese Erfahrung einzuordnen, von ihr Abschied zu nehmen und den Übergang zurück in den Alltag zu finden“, so erklärt die Musikwissenschaftlerin Jutta Toelle, warum man auch in bedrückenden Momenten klatscht. Sie hat sich am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt dem Phänomen des Applauses gewidmet: „Stell dir vor, du dürftest nicht klatschen – ein ziemlich beklemmendes Gefühl, oder?“

          Applaus scheint ein Urbedürfnis des Menschen zu sein, in den unterschiedlichsten Epochen und Kulturen. Für den Flamenco ist Klatschen essentiell, und moderne Europäer sorgen auf Rock- und Pop-Konzerten damit für Stimmung, werden im Festzelt zur rhythmisch klatschenden Einheit, zollen Sportlern im Wettkampf und Schauspielern auf der Bühne so Respekt, bekunden einem Orchester vermutlich Hochachtung oder gar Begeisterung, während im Kinosaal nur das Premierenpublikum applaudiert. Im antiken Griechenland war Beifall ein probates Mittel, die Dramenwettbewerbe zu beeinflussen: Zehn per Los ausgewählte Zuschauer bildeten damals die Jury; sie sollten neutral bleiben, ließen sich aber auch vom klatschenden Publikum leiten, ähnlich dem Applausometer bei einer TV-Show oder einem Poetry Slam. Nur Krotos, den die Griechen als Gott des Beifalls verehrten, ist inzwischen vergessen; ein Satyr, Sohn des Pan und Freund der Musen.

          Vom Klatschen auf Beerdigungen

          Applaus sei immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Konventionen, betont Toelle und nennt den Standardapplaus als Beispiel. In Deutschland könne jeder Künstler vor einem Publikum damit rechnen. Anders in Italien, wo man aber durchaus auch auf Beerdigungen klatscht. Nach einem Konzert des Pianisten Alfred Brendel hätte dort einmal niemand geklatscht, erinnert sich Toelle, selbst bei Nichtgefallen sei so etwas hierzulande undenkbar. Applaus trenne zwischen aktiven und passiven Teilnehmern einer Gemeinschaft, denen, die etwas vorführen, und jenen, die zuschauen. In Kulturen, in denen partizipative Elemente stark ausgeprägt sind, sozusagen jeder auf der Bühne steht, spielt Applaus laut Toelle eine untergeordnete Rolle. Als Beispiel führt die Musikwissenschaftlerin Naturvölker an, für die das gemeinschaftliche Trommeln wichtig sei. Näher erforscht hat sie diesen Zusammenhang noch nicht.

          Mit dem „Urtyp des Geräusches“, wie es der französische Akustiker Abraham Moles (1920 bis 1992) nannte, haben sich bisher nur wenige Forscher empirisch auseinandergesetzt. Zum Klatschen gibt es vor allem historische oder philosophische Betrachtungen – und eine Studie aus dem Jahr 2013. Der Mathematiker Richard Mann von der Universität Uppsala hatte nach einem Vortrag den Beifall von sechs Gruppen, bestehend aus ein, zwei Dutzend Studenten, gefilmt. Ihr Verhalten analysierte Mann und kam zu dem Ergebnis, dass sich jemand eher zum Applaus hinreißen ließ, je mehr Personen bereits klatschten; die Wahrscheinlichkeit war proportional zur Anzahl der Klatschenden, während die Zahl der Verstummenden wiederum das Abflauen des Beifalls bestimmte. Aber warum beginnt der Erste? „Weil wir das so gelernt haben, weil wir total darauf konditioniert sind“, erklärt Jutta Toelle.

          Dass Klatschen gelernt sein will, veranschaulicht die Reihe von Gesten, mit denen Römer ihrem Gefallen einst Ausdruck verliehen. Man konnte den Zipfel der Toga schwenken, mit einem speziellen Taschentuch wehen, nicken oder mit den Fingern schnipsen. Wer in die Hände klatschte, zeigte sich hellauf begeistert. Auf die Spitze soll es Kaiser Nero getrieben haben, der durchschnittliches Talent besaß, sich aber für einen großen Künstler hielt. Er stellte ein Heer von 5000 jungen Männern zusammen und ließ sie in der Kunst des Beifalls unterrichten, um sich mit ihrer Hilfe zum Publikumsliebling von musischen Wettbewerben erklären zu lassen. Einige Jahrhunderte später saßen Claqueure im Theater, heute kaufen Influencer sich Follower, sie brauchen „likes“. Und die Medienwissenschaftlerin Judith Pietreck stellt im „Historischen Wörterbuch des Mediengebrauchs“ aus dem Jahr 2018 fest, dass ihre Zunft mehr über spezifische Reaktionen wissen sollte. Sie hält es für sinnvoll, das Publikum stärker zu erforschen, gerade wenn die Technik neue Gesten ermöglicht. Beifall geschieht ja meist „live“, und römische Quellen kennen drei Modi; neben dem „Brummen“ gab es „Hohlziegel“ und „Scherbe“, was eine gewölbte beziehungsweise flache Handhaltung verlangte. Durch den Geschichtsschreiber Tacitus ist überliefert, dass Nero einmal Landbewohner ins Theater nach Rom eingeladen hat, die völlig überfordert waren. Mit ihren „unerfahrenen Händen“ hätten sie den Rhythmus der städtischen Zuschauer durcheinandergebracht.

          Klatschen für Fortgeschrittene

          Ähnlich ergeht es vermutlich Neulingen in einem klassischen Konzert, die nach jedem Satz zum Applaus ansetzen, während Kenner bis zum Ende eines Werks oder Konzerts warten, was Toelle für eine falsch verstandene Konvention der deutschen Kultur hält. Bis in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts sei es völlig normal gewesen, zwischen den Sätzen zu klatschen, wozu die Musik auch oft einlädt. Was Dirigenten schon verzweifeln ließ, wünschte sich vor hundert Jahren der für eine „Neue Musik“ bekannte Komponist Arnold Schönberg (1871 bis 1951). In seinem Verein für musikalische Privataufführungen in Wien setzte er ein Applausverbot durch mit der Begründung: „Der einzige Erfolg, den ein Autor hier haben soll, ist der, der ihm der wichtigste sein müsste: sich verständlich machen zu können.“ Der kanadische Pianist Glenn Gould schlägt 1962 in einem Essay halb scherzend, halb im Ernst den „Gould Plan for the Abolition of Applause and Demonstrations of All Kinds“. Und auch der 1980 in Esslingen geborene Klangkünstler Johannes Kreidler würde einem Publikum das Klatschen lieber untersagen. Er kritisiert Applaus als kollektives Soforturteil, plädiert stattdessen für eine anständige Bezahlung. „Ein Komponist könnte ein Applausverbot vielleicht auffangen, würde er davor ansagen, jeder solle nach dem Konzert zu ihm kommen und erzählen, wie es gefallen hat“, schlägt die Frankfurter Musikwissenschaftlerin Toelle vor. „Aber seien wir ehrlich, viele wollen das doch gar nicht.“ Das Bedürfnis zu klatschen, erklärt Toelle banal physiologisch: Nach Stunden des Stillsitzens wolle man sich bewegen. Demnach ist es wohl nur allzu menschlich, wenn das Publikum im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker beim Radetzkymarsch bald im Takt oder auch leicht daneben mitklatscht, ob man das nun passend findet oder peinlich.

          Selbst die alten Griechen sollen begeistert im Gleichtakt geklatscht haben. Der deutsche Philologe Carl August Böttiger war Anfang des 19. Jahrhunderts überzeugt, das Unisono-Klatschen habe sich durch sein Echo in den antiken Theatern mit bis zu 14.000 Sitzplätzen zu wahren Donnerschlägen verstärkt, was den Griechen eine Unterhaltung geboten hätte, die man sich „selbst mit allem Aufwande ausmalender Phantasie“ nicht mehr vorstellen könne. Böttiger verfasste übrigens einen Aufsatz über „Händezoll, an die dramatische Muse bezahlt“ und bezeichnete Krotos als Klatschhand. Der Weimarer Gelehrte kannte diesen Ausdruck des Wohlbehagens aber auch von munteren, lebenslustigen Kindern, die ihre kleinen Hände zusammenschlagen: „Es ist ja der natürlichste, echt kindische Ausdruck des freuenden Kleinen.“

          Wie ansteckend diese Freude sein kann, und wie schwer es ist, sich der Gruppendynamik zu entziehen, lässt sich bei Konzerten erleben, in denen die Band ihre Fans zum Mitklatschen auffordert. Alle wissen, was es bedeutet, wenn vorne auf der Bühne die Bewegung auch nur angedeutet wird. Und alle machen mit.

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