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Kunst und Wissenschaft : Eine fragile Grenze

Kann man Menschen mit psychischen Erkrankungen auf den ersten Blick erkennen? Im Bayerischen Landtag kann man sich diese Frage selbst beantworten. Bild: Sibylle Anderl

Der menschliche Blick gilt als Fenster zur Seele. Was kann er uns aber über psychische Erkrankungen sagen? Eine Fotoausstellung von Herlinde Koelbl und Leonhard Schilbach geht dieser Frage nach.

          3 Min.

          Sechzehn Personen, lebensgroß vor einem grauen Hintergrund stehend abgebildet, fixieren im Kreuzgang des Bayerischen Landtags ruhig den Betrachter. Die Blicke: herausfordernd, abschätzend, gedankenverloren, meist ernst, selten mit einem angedeuteten Lächeln. Was steckt hinter den Blicken? Wer steckt hinter den Blicken? Hinweise geben Schrifttafeln neben den Fotografien. In den sehr persönlichen Texten beschreiben die Abgebildeten, was sie an sich mögen, wann sie ganz bei sich sind, womit sie kämpfen, was ihnen wichtig ist. Es geht um Leistungsdruck, Ehrgeiz, den Umgang mit Gefühlen, das Ringen mit der Umwelt, mit den Mitmenschen, immer wieder auch um Schicksalsschläge.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es sind Beschreibungen, die tiefe Einblicke in die Persönlichkeit der Abgebildeten eröffnen und die in vielen Aspekten sehr nachvollziehbar, oft gar vertraut wirken. Und doch bleibt für den Betrachter in der vermeintlichen Vertrautheit ein Rest an Irritation. Denn die Gruppe der Porträtierten setzt sich aus Patienten einer psychiatrischen Klinik und Mitarbeitern des Behandlungsteams zusammen. Wer zu welcher Gruppe gehört, lässt die Ausstellung offen. Es ist eine Frage, die sich der Betrachter unweigerlich stellt und die er zumindest auf der Grundlage der Bilder nicht beantworten kann.

          Die Künstlerin Herlinde Koelbl ist für ihre hohe psychologische Sensibilität bekannt.

          Die Fotos und Texte stammen von der Münchener Fotografin Herlinde Koelbl, die bereits in zahlreichen anderen fotografischen Studien mit experimenteller Akribie verschiedenen Aspekten menschlichen Verhaltens nachgegangen ist. So lieferte ihr vielleicht bekanntestes Werk „Spuren der Macht“ eine aufschlussreiche Langzeitdokumentation führender deutscher Politiker, ihre Serie „Kleider machen Leute“ demonstrierte eindrücklich den Einfluss von Berufskleidung auf das Auftreten der Amtsträger.

          Dass sich ihre jüngste Arbeit nun um psychische Erkrankungen dreht, hat mit Koelbls Teilnahme an einem Projekt zu tun, das vor vier Jahren unter dem Titel „WissensARTen“ in dieser Zeitung Begegnungen von Künstlern und Wissenschaftlern initiierte und journalistisch begleitete. Damals war Herlinde Koelbl auf den Psychiater und Neurowissenschaftler Leonhard Schilbach getroffen, der in seiner Forschung die Wichtigkeit sozialer Wechselwirkung von Menschen für das Verständnis psychischer Erkrankungen betont. Auch nach dem F.A.Z.-Projekt blieben beide in Kontakt und entwickelten schließlich die Idee für die Serie „Psychische Erkrankungen im Blick“.

          „Der Aufhänger ist wie damals das gemeinsame Interesse am Blick anderer Menschen“, sagt Leonhard Schilbach. Er kümmerte sich um die Auswahl der Teilnehmer, Frau Koelbl entwarf das genaue Konzept, fotografierte und erstellte die Texte auf der Grundlage von Interviews mit den Beteiligten. Dabei stellte sie allen die gleichen, sorgsam ausgewählten Fragen, die es ihr offenbar erlaubten, schnell psychologische Tiefe und ein hohes Reflexionsniveau zu erreichen. „Frau Koelbl erfasst Menschen sehr schnell und sehr umfassend“, beschreibt Schilbach das fast therapeutische Talent der Fotografin.

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          Das so entstandene, von der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) geförderte Kunstprojekt soll, so heißt es im Katalogtext zur Ausstellung, einen Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen leisten. „Jeder hat eine Vorstellung, wie psychisch Erkrankte sich verhalten. Und da erkennt man, dass man in die eigene Vorurteilsfalle tappt, denn auf den ersten Blick sieht man auf den Bildern keinen Unterschied“, erklärt Koelbl diese Intention.

          Gleichzeitig – ein Punkt, der Leonhard Schilbach wichtig ist – würde ein Unterschied aber wohl stärker deutlich, sobald man das statische Fotoformat hinter sich ließe und mit den Beteiligten in Interaktion träte. Menschen mit psychischen Erkrankungen würden dann teilweise den Erwartungen des psychisch gesunden Interaktionspartners nicht entsprechen und für manchmal subtile Irritationen sorgen.

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          Jenseits solcher Irritationen fiel Herlinde Koelbl bei ihrer Interaktion mit den Erkrankten besonders ins Auge, dass man ihnen mehr Zeit geben muss. Sie habe ihnen das Gefühl vermittelt, sich ohne Funktionsdruck entfalten zu können. Die besondere Wirkung der Fotos ist demnach wohl auch auf diese geschützte Umgebung zurückzuführen.

          Spätestens im Zusammenspiel mit den Texten zeigen die Fotos aber deutlich, dass es schwerfällt, kategoriale Unterschiede, starre Grenzen zwischen psychisch Erkrankten und Gesunden auszumachen. „Manche Menschen verkraften beispielsweise Schicksalsschläge besser, weil sie stabiler sind, andere eben weniger. Ich würde sagen, die Linie zwischen psychisch Kranken und Gesunden ist fragil“, fasst Koelbl zusammen. „Es sind graduelle Unterschiede in Wahrnehmung und Erleben auf einem Spektrum, das alle Menschen kennen“, ergänzt Schilbach. Dies begründe aber keinen Relativismus. Entscheidend sei, inwiefern es zu Einschränkungen in der Lebensführung komme – und da habe die klinische Psychiatrie durchaus empirische Kriterien zur Hand.

          Ausstellung

          „Psychische Erkrankungen im Blick“. Bayerischer Landtag; bis zum 15. November 2019.

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