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Juristische Kanonfragen : Andere Auffassungen nähren die Neugier

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Wer wird den Kollegen im Gedächtnis bleiben? Die 77. Staatsrechtslehrertagung fand 2017 in Saarbrücken statt. Bild: Universität des Saarlandes

Wie werden Wissenschaftler des Öffentlichen Rechts in der Fachöffentlichkeit unsichtbar und wieder sichtbar? Ein Sammelband sichtet „apokryphe Schriften“.

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          „Niemand kann es sich heute leisten, kein Problembewusstsein für Prozesse und Effekte von Kanonisierung in der eigenen wissenschaftlichen Disziplin zu haben und das Kanonische mit dem Vorbildlichen zu verwechseln“, schrieb unlängst die Literaturwissenschaftlerin Andrea Geier im Online-Magazin „Geschichte der Gegenwart“. Kanonfragen sind Machtfragen. Kein Wunder also, dass die Debatte darüber, was in den Kanon gehört und wer darüber entscheidet, immer wieder aufflammt – für die Literatur und ihre Wissenschaft hat Hanna Engelmeier dazu im „Merkur“ gerade einen prägnanten Lagebericht geliefert, in dem sie die Bedeutung von Kanondebatten für die Selbstverständigung des „Betriebes“ unterstreicht.

          Auch die Rechtswissenschaft denkt angesichts allfälliger Phänomene der Pluralisierung und Fragmentierung öfter einmal über sich selbst, ihr „Proprium“ und ihre „Formate“ nach, um die Titel einschlägiger Sammelbände (Tübingen 2008, Weilerswist 2017) zu zitieren. Und neuerdings auch über ihren Kanon. Da Kanonfragen Machtfragen sind, geht es dabei noch nicht um die Abarbeitung von Gegenvorschlagslisten einer Kanonkritik, wie sie in anderen Geisteswissenschaften üblich ist. In einem unter chronischen Diversitätsdefiziten leidenden Fach, das auf absehbare Zeit weiter von „alten weißen Männern“ und deren Texten geprägt bleiben wird, liegt nicht auf der Hand, wer für einen Alternativkanon zu nominieren wäre.

          Gerade die hierarchische Tradition des Faches mag das Thema aber für den ambitionierten „Nachwuchs“ attraktiv machen, schwingt doch die Frage mit, wie man es schafft, sich selbst in den Kanon einzuschreiben. Ein von Nikolaus Marsch, Laura Münkler und Thomas Wischmeyer herausgegebener Band begibt sich auf die Suche nach dem Unbekannten, Vergessenen, Nichtrezipierten („Apokryphe Schriften“. Rezeption und Vergessen in der Wissenschaft vom Öffentlichen Recht. Mohr Siebeck, Tübingen 2018. IX, 256 S., 59,– Euro ). Die Untersuchung von Rezeptionsmechanismen fordert Laura Münkler in ihrer Einführung – sechzehn meist jüngere Autorinnen und Autoren (alle im öffentlichen Recht zu Hause) liefern dafür anregendes Material.

          Den Gründen für die heute weitgehend fehlende völkerrechtliche Rezeption des zu Lebzeiten eminent einflussreichen Staats- und Völkerrechtlers Ulrich Scheuner geht Andreas Kulick im Vergleich mit der lebhaften Wahrnehmung des nur wenig jüngeren Hermann Mosler nach. Die Gründe reichen vom Fehlen einer „großen“ einschlägigen Monographie bis zur geringen Zahl im Völkerrecht aktiver Schüler, berühren aber auch Fragen von Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit. Im Blick auf den „vergessenen soziologischen Völkerrechtsansatz“ des bis 1975 an der Freien Universität Berlin lehrenden Wilhelm Wengler weist Felix Lange warnend darauf hin, dass das Fehlen (oder die Vernachlässigung) von Netzwerken schnell ins Vergessen führen kann.

          Benachbartes wird nicht gelesen

          Dass apokryphe Schriften als „konserviertes Potential für zukünftige Paradigmenwechsel“ vielleicht nur auf ihre Wiederentdeckung durch eine kluge „Nachdenkerin“ warten, zeigen Karsten Herzmann und Michael von Landenberg-Roberg an Dieter Suhr, der sich durch „Kompromisslosigkeit gegenüber den Rezeptionserwartungen und der Zitierpraxis der eigenen Disziplin“ selbst ins Abseits manövriert habe. Laut Landenberg-Roberg steht das Werk des Augsburger Verfassungsrechtlers „paradigmatisch für eine ebenso leidenschaftliche wie informierte Art und Weise, Verfassungsrechtswissenschaft zu betreiben“, nämlich mittels „methodisch stets reflektiertem Rückgriff auf die Erkenntnisbestände anderer Disziplinen“.

          Landenberg-Roberg bescheinigt Suhr „eine beeindruckende innere Konsistenz zwischen verfassungstheoretischen und verfassungsdogmatischen Abhandlungen“. Sein Gesamtwerk lasse sich in all seiner Vielgestaltigkeit als Variation eines Grundmotivs rekonstruieren, „der Verwirklichung eines auf gegenseitiger Achtung beruhenden Begriffs von Freiheit“. Diese findet, erläutert Herzmann, „in der Horizontale zwischen den Bürgern“ statt, als „Freiheitserweiterung auf Gegenseitigkeit“.

          „Einsetzende Vergessensbewegungen“ haben laut Stefan Martini das Werk des 2007 verstorbenen Gießener Staatsrechtslehrer Helmut Ridder erfasst, der am 18. Juli 2019 hundert Jahre alt geworden wäre. Ihn könne man, trotz großen Schülerkreises, derzeit schon als „apokryph-alternativen Wissenschaftler des öffentlichen Rechts“ bezeichnen. Dass diese „wichtige Anti-Figur des prägenden Diskurses zu Beginn der Bundesrepublik“ heute in einer jüngeren Juristengeneration eine kaum von herkömmlichen Rezeptionspfaden determinierte Neugier auf sich zieht, könnte Anlass sein, sich Gedanken über eine Alternative zur Alternative von Kanonisierung und Vergessenheit zu machen.

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