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Judith Butler in Berlin : Mit magischem Denken gegen die Freiheit der Lehre

  • -Aktualisiert am

Die Philosophin wird verteufelt: Protest gegen einen Auftritt von Judith Butler in São Paulo am 7. November 2017. Bild: AFP

Judith Butler hält an der TU Berlin einen Festvortrag über die Genderforschung. Sie demonstriert die Produktivität des Feldes, indem sie die Phantasiebilder seiner Gegner untersucht.

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          Vor dreißig Jahren erschien Judith Butlers Buch „Gender Trouble“ (deutsch ein Jahr später bei Suhrkamp als „Das Unbehagen der Geschlechter“), der bedeutendste Klassiker der Geschlechtertheorie seit Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“. Kein anderes Werk der Geschlechterforschung wurde in den letzten Jahrzehnten so rasch so interdisziplinär breit, so intensiv und leidenschaftlich rezipiert. Dieses Jubiläum war vielleicht nicht allen bewusst, die an die Technische Universität Berlin kamen, um den Star der Gender Studies sprechen zu hören. Eingeladen hatte die Fachgesellschaft Geschlechterstudien, die ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

          Dass das eigene Jubiläum Butler zu einer selbstbezogenen Rückschau verführen würde, war nicht anzunehmen, auch wenn im Genre Festvortrag ein Einblick in ihre intellektuelle Biographie und die weitere Entwicklung ihrer Forschungsinteressen reizvoll gewesen wäre. Stattdessen erörterte sie unter dem Titel „Gender: Whose fantasy?“ die Frage, welche Bedeutung Geschlecht für wen hat: Wie ist das Sprechen über Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten in Machtverhältnisse eingebunden? Welche Rolle wird den Geschlechterstudien von ihren Gegnerinnen und Gegnern zugeschrieben?

          Die Professorin für Komparatistik und Rhetorik in Berkeley trat vor den mehr als tausend Zuhörenden als öffentliche Intellektuelle auf. Sie führte vor, dass man Geschlechterfragen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse erörtern kann, ohne das eigene Handwerkszeug, das sie im Schnittfeld diskursanalytischer, phänomenologischer, psychoanalytischer und dekonstruktiver Theorien entwickelt hat, explizit aufrufen zu müssen.

          Argentinien als positives Beispiel

          Gender bildet den Bezugshorizont für unser In-der-Welt-sein, unsere Subjektwerdung: Menschen werden in einen phantasmatischen, normativ wirkenden Vorstellungshorizont von Zweigeschlechtlichkeit hineingeboren, bilden ein Bewusstsein ihrer Geschlechtsidentität aus, entwickeln eine Verkörperung von Geschlecht und ihre leiblichen Stile, mit denen sie für andere lesbar werden. Aus der Kritik an normativen Realitätsbehauptungen von binärer, heterosexueller Geschlechtlichkeit, die sozial akzeptierte und umgekehrt marginalisierte Subjekte produziert, entwickelte Butler den ethischen Anspruch, dass alle das für sie passende Geschlecht leben dürfen, das eben mit Zweigeschlechtlichkeit allein nicht abgebildet sei. Mit Argentinien erwähnte sie ein positives Beispiel: Dort können Menschen ihre Geschlechtsidentität frei bestimmen. Warum sollten sich etwa trans Männer und trans Frauen einer staatlich verordneten Überprüfung unterziehen und beweisen müssen, dass sie ihr Geschlecht auf überzeugende Weise leben?

          Geschlecht kommt also nicht etwa in die Welt, weil Gender Studies es thematisieren. Das zu sagen scheint lächerlich, doch genau solche Zerrbilder und Dämonisierungen finden sich in öffentlichen Debatten: In der Anti-Gender-Bewegung gilt die Aufklärung darüber, dass es mehr als nur heterosexuelles Begehren gibt, als Gefährdung von „normaler“ Heterosexualität.

          Diese Art magisches Denken präge, so legte Butler dar, auch Angriffe auf die universitäre Lehre: Die Möglichkeit, in Seminaren über Homosexualität zu sprechen, werde als eine Einübung in Homosexualität nach dem Motto „Wie werde ich homosexuell?“ verunglimpft. Denkfreiheit werde missverstanden als Handlungsanleitung und Praxis, und die Forderung, eine Vielfalt von Existenzweisen anzuerkennen, zu einer autoritären Geste der Macht erklärt. Gender Studies seien in dieser Denkwelt selbst ein Umerziehungsprogramm.

          Die Kirche hat gut reden

          Zu den paradoxen Momenten dieser Anschuldigungen gehört die Identität der Ankläger: So warnt ausgerechnet die katholische Kirche vor einer angeblichen „Gender-Ideologie“, welche die Familie zerstören werde, obwohl sie selbst über Jahrhunderte normativ in das Leben von Menschen eingegriffen hat, sich die Macht anmaßte, anderen ein Lebensmodell vorzuschreiben, zu bestimmen, wen sie lieben dürfen und wen nicht, welche Sexualität, welche Geschlechtsidentitäten, welche Formen von Familie erwünscht und akzeptiert sind oder nicht.

          Immer wieder kam Butler auf die eine Frage zurück: Wer bestimmt, dass und wessen Leben als weniger wert gilt? Innerhalb einzelner Themenfelder hätte man sich mehr Bezüge auf Forschung zur gesellschaftspolitischen Instrumentalisierung von Gender und ihren unterschiedlichen Akteuren und Akteurinnen in globalisierten wie nationalen Kontexten wünschen können. Butler aber wollte eine starke Botschaft senden: Gender Studies stellen existentielle Fragen, sie sind nicht elitär. Und vor allem: Gender Studies werden sowohl angegriffen, weil man sie falsch wahrnimmt, als auch aus guten Gründen. Sich möglichst gut zu erklären ist zwar ein erstrebenswerter Anspruch der Wissenschaftskommunikation, ein Heilmittel gegen Angriffe ist es nicht.

          Gender Studies werden bekämpft, weil sie kritisch Normierungen und Normalitätsvorstellungen beschreiben, die entlang von einander überschneidenden Kategorisierungen wie „gender“, „race“ und „class“ gebildet werden. Sie liefern Grundlagen dafür, Hierarchien und Machtverhältnisse kritisch in Frage zu stellen. Hier gibt es keinen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen.

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