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Neue Schriften zu Schumpeter : Apologie des Abschöpfens

  • -Aktualisiert am

Joseph Schumpeter: Bedeutender Ökonom und ehemaliger Politiker in Österreich. Bild: Ullstein

Darf es Profite für Unternehmer geben? Auch für Wirtschaftsliberale wie den ehemaligen Nationalökonom Joseph Schumpeter ist die Antwort auf diese Frage nicht eindeutig.

          Auf die Frage, warum ausgerechnet dem Eigentümer der Gewinn gebühren sollte, den sein Betrieb abwirft, gibt es zwei verschiedene Antworten. Die erste Antwort besagt, dass er an der Entstehung dieses Überschusses den maßgeblichen Anteil hat; nach der zweiten ist der Eigentümer nur eine Art von Zwischenstation, die einen wie auch immer entstandenen Gewinn weiterleitet. Die Theorie des bedeutenden Ökonomen und Soziologen Joseph Schumpeter (1883 bis 1950), die man nun anhand einer Sammlung von gut lesbaren Aufsätzen erneut studieren kann, wird normalerweise für eine Antwort des ersten Typs zitiert.

          Der klassischen Figur des Unternehmers schreibt Schumpeter drei verschiedene Leistungen zu, die sich im Maße ihrer Ersetzbarkeit unterscheiden sollen: Da ist einmal die Leistung, Kapital vorzuschießen, die auch die Finanzmärkte übernehmen könnten. Dann gibt es die Aufgaben des Betriebsleiters, die man auch an gutbezahlte Angestellte, also an Manager delegieren kann. Einem Unternehmer, der diese beiden Funktionen miterfüllt, gebührt also in jedem Fall der marktübliche Zins auf das eingesetzte Kapital sowie eine angemessene Entlohnung für seine Tätigkeit als Verwaltungschef. Schumpeter sieht natürlich, dass diese beiden Einkünfte deutlich unterhalb dessen liegen, was ein Unternehmer in guten Zeiten verdienen kann.

          Wie soll die Originalität des Unternehmers berücksichtigt werden?

          Mit den richtig großen Unternehmergewinnen wird nach Schumpeter denn auch eine dritte Leistung entgolten. Dabei soll es sich um eine seltene und außeralltägliche Gabe handeln, die der Betrieb weder zu Marktpreisen von außen beziehen noch als Arbeitsaufgabe schlicht organisieren kann. Schumpeter sieht sie in der Originalität des Unternehmers: Wenn es ihm gelingt, Kostenschwellen zu unterschreiten, etwa indem er eine neuartige Produktionstechnik ersinnt oder einen zuvor unbekannten Vertriebsweg beschreitet, dann findet er sich dafür genau so lange, wie die verdutzten Konkurrenten brauchen, um sich die Augen zu reiben, mit den übergroßen Gewinnen eines Monopolisten belohnt. Aber spätestens wenn sie ihn zu kopieren beginnen, fallen infolge des vermehrten Angebots auch die Preise, und davon profitieren dann auch die Verbraucher - am Ende also jedermann.

          Zu Ehren des bedeutenden Gelehrten muss gesagt werden, dass auch Schumpeter selbst dieser Rechtfertigung des Unternehmergewinns aus der unersetzlichen Schöpferkraft eines Individuums nicht recht traute. Längst schon hätten die großen Konzerne, so sein selbstkritischer Einwand, die Aufgabe der Erfindung des Neuen an die hauseigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung delegiert. Und in der Tat kann man die rund viertausend Patente, die etwa der amerikanische Computer- und Druckerhersteller Hewlett Packard pro Jahr anmeldet, nicht gut dem Erfindungsreichtum irgendeiner Einzelperson zurechnen. Wenn aber am Ende auch die ökonomische Innovation zu einer gut organisierbaren Routine wird, an welcher der Eigentümer als solcher gar keinen Anteil mehr hat, dann muss man seine Privilegierung bei der Verteilung des Gewinnes erneut durchdenken.

          Auch dazu hat Schumpeter etwas zu sagen. Und zwar unterscheidet er den privaten Luxuskonsum des Eigentümers von demjenigen Anteil seiner Profite, der auf dem Finanzmarkt landet. Diesen zweiten - und nach seiner Berechnung ungleich größeren - Posten findet er unproblematisch: Er sorge für überreichliche Versorgung mit ungebundenem Geld, und das wiederum ermögliche es Leuten mit guten Geschäftsideen, sie durch Kreditaufnahme statt durch Eigenkapital zu finanzieren. Es ist offensichtlich, dass wir es hier bereits mit einer Antwort des zweiten Typs zu tun haben: In der Frage, wohin der Gewinn abfließen soll, kommt es auch darauf an, was der Empfänger damit vorhat.

          Luhmann: Der Eigentümer von heute ist nicht der von damals

          Auch diese Rechtfertigung der Profite muss sich eine deutliche Relativierung gefallen lassen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat dies am Wandel der sozialen Rolle des Eigentümers gezeigt. Während der Eigentümer heute im besten Falle der Wirtschaft selbst dient, indem er sie mit anlagebereitem Kapital versorgt, stand er früher einmal der Gesellschaft im Ganzen zur Verfügung. Er hatte beispielsweise auch für die Landesverteidigung aufzukommen, und als Herr war er verpflichtet, seine altgewordenen Diener zu alimentieren. Dem Eigentümer von heute darf man damit bekanntlich nicht kommen. Aber eben deshalb, so die These von Luhmann, falle ihm auch nicht der gesamte Unternehmensgewinn zu, sondern nur ein Teil davon, ebendeshalb würden Betriebe nicht nur Profite, sondern auch Lohnnebenkosten und Steuern abführen.

          An diesen beiden zusätzlichen Abführungen ärgert den Wirtschaftsliberalen natürlich, dass sie ohne genaue Gegenleistung abverlangt werden. Aber gerade aus Schumpeters Selbstkritik wäre zu lernen, dass dies auch für manche Profite gilt.

          Joseph A. Schumpeter, Schriften zur Ökonomie und Soziologie (hrsg. von Lisa Herzog und Axel Honneth), Frankfurt 2016; Niklas Luhmann, Organisationen im Wirtschaftssystem, in: ders., Soziologische Aufklärung, Bd. 3, Opladen 1981.

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