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Stellen in der Forschung : Spezialisten bevorzugt

  • -Aktualisiert am

Fest gefügt sind die Mauern der Universität - hier in Oxford. Bild: dpa

„Interdisziplinär“ klingt gut – es sei denn, man möchte als Forscher eine Professur.

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          In Italien ist die Zulassung junger Wissenschaftler zur Teilnahme am Wettbewerb um offene Professuren wie folgt geregelt: Alle Jahre wieder müssen sich alle Anwärter mit ihren Schriften und Schriftenverzeichnissen einem zentralisierten Verfahren stellen. Die Auswahl erfolgt in einer Vielzahl von kleinen Gutachtergruppen, für die man die besten und besseren Fachleute der jeweiligen Disziplin zu gewinnen sucht. Jeder Kandidat wird einer dieser Gruppen zugeteilt, die ihn dann mit einer größeren Zahl von ähnlich spezialisierten Mitbewerbern vergleicht. Alle positiven und negativen Voten der Gutachtergruppen werden peinlich genau protokolliert und dann auch veröffentlicht. Diese politisch gewollte Transparenz führt im Nebenertrag dazu, dass potentielle Datensätze für die Wissenschaftsforschung entstehen.

          Ein kleines Team hat sich nun die Akten des Auswahlverfahrens aus dem Jahre 2012 vorgenommen. Dabei ging es den drei Managementforschern vor allem um die Frage, ob interdisziplinär arbeitende Wissenschaftler einen Karrierenachteil gegenüber denen haben, die sich streng an eine einzige Wissenschaft binden. Ein erstes Ergebnis der Auswertung besagt, dass es solche Nachteile in der Tat gibt. Dies wird vermutlich niemanden überraschen, der über einige Erfahrung im wissenschaftlichen Betrieb verfügt.

          Das eigentlich Interessante an der Untersuchung ist die Erklärung für jene Nachteile, die sie nahelegt. Ältere Forschungen über Grenzgänger hatten die Probleme dessen, der in keine Schublade passt, auf Schwierigkeiten der Urteilsbildung zurückgeführt. Da die meisten Gutachter nur mit einem einzigen Fachgebiet wirklich vertraut seien, hätten sie über die Leistungen von Kandidaten mit breiterer Orientierung kein sicheres Urteil, und aus Furcht vor folgenreichen Fehlentscheidungen würden sie sich mit positiven Einschätzungen daher lieber zurückhalten. Den Gutachtern wird also ein ernsthaftes Bemühen um Bestenauslese unterstellt, das nur eben mitunter an seine fachlichen Grenzen stoße. Wenn sie an guten Leuten vorbeigehen, dann aus Unvermögen, diese Qualität zu erkennen.

          Am Unverständnis disziplinären Establishments liegt es nicht

          Läge es aber wirklich an der Wertblindheit des urteilenden Spezialisten, dann müssten die Karrierenachteile der wissenschaftlichen Querdenker unabhängig von ihrer jeweiligen Leistungsbilanz eintreten. Die Ungnade der überforderten Gutachter müsste die hervorragenden und die unauffälligen Bewerber in gleicher Weise treffen. Im untersuchten Auswahlverfahren war dies jedoch keineswegs der Fall. Die Chancen der wissenschaftlichen Vielschreiber und derjenigen mit übersichtlichem Schriftenverzeichnis unterschieden sich deutlich.

          Schon der Umstand, dass es auf Unterschiede an zu erwartender Forschungsleistung überhaupt ankommt, widerlegt die These, die Gutachter könnten sie nicht erkennen. Mit Recht geben die Autoren zu bedenken, dass alle Wissenschaftler ihre Leistungen in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit erbringen und einen Ruf genießen, nach dem man sich bei Bedarf erkundigen kann. Jemand, der teils in meiner eigenen und teils in einer anderen Disziplin publiziert, wird dadurch nicht zu einem für mich unverständlichen Wesen.

          Das führt die Autoren zu der auch soziologisch plausiblen Hypothese, dass die Außenseiter einfach deshalb draußen gehalten werden, weil man die eigenen Stellen den eigenen Leuten vorbehalten will. Die Aussicht, in der einmal gewählten Disziplin auch berufliche Ziele erreichen zu können, ist eines der stärksten Motive der Bindung an sie. Es würde geschwächt, wenn alle Professuren auch für Seiteneinsteiger offen wären. Einen starken Anhaltspunkt dafür, dass es sich so verhält, sehen die Forscher darin, dass die interdisziplinäre Orientierung gerade den leistungsstarken Wissenschaftlern zum Verhängnis wird. Im Gegensatz zu dem, was man bei einer reinen Leistungsauslese erwarten würde, waren ihre Chancen nämlich nicht besser, sondern schlechter als die der schwächeren Grenzgänger.

          Die Autoren nehmen das zum Beleg dafür, dass die Disziplinen in den Gutachtergruppen ihre kognitive Identität verteidigen, die durch Zulassung von starken Fremden stärker gefährdet würde als durch Zulassung von schwachen Fremden. Während diese wenig ausrichten können, kann der wissenschaftliche Star mit all den Sach- und Personalmitteln, über die er gebietet, seine wissenschaftliche Wahlheimat merklich verändern, und genau das soll verhindert werden. Es spricht zugunsten dieser Lesart, dass der beschriebene Effekt schwächer wird, wenn man von relativ geschlossenen Disziplinen zu solchen übergeht, die sich „ihre“ Fachzeitschriften mit einer anderen Wissenschaft teilen.

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