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Hirnforschung : Aufrecht im Wohnzimmer des Geistes

Das Modell des geplanten begehbaren Gehirns. Bild: tung 2016, Alexander Grychtolik/U. Dettmar

Aufgeblasen oder pädagogisch wertvoll? Ein Gespräch über den Plan, das menschliche Gehirn als spektakuläre Raum-im-Raum-Installation zu zeigen, und über die politische Dimension der Hirnforschung.

          FRAGE: Vor dem jüngsten G-7-Gipfel der mächtigsten Staaten haben die sieben nationalen Wissenschaftsakademien empfohlen, wie es heißt, „das Gehirn als globale Ressource zu verstehen, zu schützen und zu entwickeln“ - um die Entwicklungsförderung des Gehirns soll es gehen. Das klingt nach neuen Geldströmen. Wird die Hinforschung politisch vernachlässigt?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          ANTWORT: Michael Madeja: Der Anlass dafür könnte das große Engagement der Staaten in der Hirnsimulation sein. Davon abgesehen gibt es aber vier wichtige Gründe für mehr Hirnforschung: Die Erkrankungen des Gehirns sind der erste. Die Bevölkerungen werden älter, und die Erkrankungen des Gehirns damit häufiger. Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre erwarten wir eine Verdoppelung der Alzheimer-Erkrankungen, weltweit rechnen wir mit einer Vervierfachung. Bereits jetzt haben 27 Prozent der EU-Einwohner eine Erkrankung des Gehirns, und hängen fast fünfzig Prozent aller Gesundheitskosten mit Erkrankungen des Gehirns zusammen. Wir brauchen also Hirnforschung, um das Leiden und die Kosten in den Griff zu bekommen.

          Der zweite Grund für mehr Hirnforschung ist die technische Entwicklung. Zwar zeigt uns die Autoindustrie, dass wir nicht die Funktionsweise des Gehirns verstehen müssen, um selbstfahrende Autos zu konstruieren. Die Technik kommt manchmal zu anderen Lösungen - wie beim Fliegen, bei dem wir anders als Vögel fliegen, aber dabei effizienter und schneller. Trotzdem können uns die Prinzipien, mit denen das Gehirn funktioniert, wichtige neue Impulse geben. Gerade in der Datenverarbeitung brauchen wir angesichts der weiter enorm steigenden Datenmassen technische Systeme und Algorithmen, die die Daten vorsortieren und vorentscheiden. Da ist das Gehirn ein eindrucksvolles Vorbild.

          Prof. Michael Madeja, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

          Der dritte Grund ist das Selbstverständnis des Menschen. Die Religiosität des Menschen wird in heutigen Gesellschaften zunehmend ersetzt durch eine Wissenschaftsgläubigkeit. Das, was den Menschen ausmacht, wird von Begriffen wie Seele jetzt mehr und mehr transformiert auf reine Hirnfunktionen. Deswegen werden die Ergebnisse, die die Hirnforschung über die höchsten Hirnfunktionen wie Denken und Bewusstsein erzielt, mit größerer Aufmerksamkeit beobachtet und größerer Wichtigkeit belegt als noch vor einigen Jahrzehnten. Und viertens könnte man noch anführen, dass wir mit tradiertem Wissen zunehmend Ressourcenprobleme haben, insbesondere in den Geisteswissenschaften. Komplexes, über Generationen aufgebautes Wissen, das vom Forscher an der Universität als Lehrer persönlich auf seine Schüler weitergegeben wird, stirbt mit dem Wegfall oder der Umwidmung der Planstelle aus. Es wird daher zunehmend wichtig, dass man solche eher intuitiven Verstehensprozesse, die viel mit Mustererkennung im Gehirn zu tun haben, besser versteht und vielleicht durch technische Systeme unterstützen und erhalten kann. So könnte die Hirnforschung auch helfen, geisteswissenschaftliches Wissen zu retten.

          FRAGE: Jetzt wissen wir, warum manche das Gehirn als modernen Fetisch kritisieren. In Naturkundemuseen spielte das Gehirn dagegen bisher eine viel weniger zentrale Rolle, viele kleine Museen kämpfen ums Überleben. Ist der Hirnboom die Gelegenheit für ein Museum wie Senckenberg, vom großen Kuchen mitnaschen zu dürfen?

          ANTWORT: Volker Mosbrugger: Zunächst einmal erfahren die großen Naturkundemuseen derzeit eher eine Blüte als einen Überlebenskampf, denken Sie nur an die großen Umbau- und Erweiterungspläne etwa in Kopenhagen, Berlin, München und Frankfurt. Unabhängig davon ist das Museum aber tatsächlich der absolut richtige Ort, um die Hirnforschung zu thematisieren. Museen arbeiten sehr stark mit Objekten, anders als die sogenannten Science Center. An Objekten können wir etwas unmittelbar zeigen und erfahren.

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