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Hirnforschung : Aufrecht im Wohnzimmer des Geistes

Mosbrugger: Die Relevanz der Hirnforschung für Therapien und damit auch ihr ökonomischer Aspekt sind das eine. Das andere ist die Bedeutung der Hirnforschung für unser Selbstverständnis als Geist-Wesen. Die Überhöhung des Geistes hat in den westlichen Kulturen seit der Antike Tradition. Bei einer evolutionsbiologischen Betrachtung wird diese Trennung von Körper und Geist weitgehend obsolet.

Madeja: Die moderne Hirnforschung hat leider aber auch die Tendenz, dass sie teilweise selbst und teilweise in der Umsetzung durch die Medien ihre Erkenntnisse verabsolutiert. Ihre Erkenntnisse werden aber erst im kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld wirklich wirksam, indem wir berücksichtigen, was zum Beispiel die Philosophie beiträgt, aber auch die Religion. Die Hirnforschung ist ein wichtiger Erkenntnisansatz, aber sicher nicht der einzige und sicher nur einer, der erst im Gesamtkontext des uns Menschen Möglichen Erkenntnis im engeren Sinne erlaubt.

FRAGE: Erschöpfend gestritten wird um den freien Willen oder um die Natur des Bewusstseins. Wie thematisiert man so etwas in einer Museumsausstellung?

ANTWORT: Mosbrugger: Bei der gesamten Museumskonzeption versuchen wir, nicht nur die Binnenperspektive, die anthropozentrische Sicht verstehbar zu machen. Die Evolutionstheorie liefert uns ein Vehikel, um den Blick von außen auf das Bewusstsein zu werfen. Das tiefere Verständnis bietet der Vergleich mit anderen Organismen.

FRAGE: Stört es Sie als Biodiversitätsforscher eigentlich nicht, dass das Gehirn als einzelnes beschränktes Organ so viel Aufmerksamkeit und Mittel erntet, der Schutz ganzer Arten dagegen kaum?

ANTWORT: Mosbrugger: So funktioniert die Welt. Wir lösen die Probleme, die uns aktuell am meisten auf den Nägeln brennen. Das ist die logische Sicht des Evolutionsforschers. Deshalb bin ich nicht allzu enttäuscht, wenn man sich gegenwärtig sehr stark auf das Gehirn fokussiert. Wenn wir nicht allzu viel in die Klima-, in die Mitigations- und Adaptationsforschung investieren, dann bedeutet das, dass dieses Problem für die Gesellschaft offenbar noch nicht so virulent ist. Das wird sich spätestens ändern, wenn der Meeresspiegel um 50 Zentimeter gestiegen ist. Natürlich gibt es Förderungen, die über das Rationale hinausgehen können. Aber im Prinzip funktioniert das System. Es ist selbstregulativ.

Madeja: Man muss unterscheiden zwischen Wahrnehmung und Förderung. Die Förderung ist nicht so exorbitant, die öffentlichen Forschungseinrichtungen geben im Schnitt weniger als 15 Prozent ihrer Mittel für die Hirnforschung aus. In der medialen Wahrnehmung ist das anders. Aber das liegt auch einfach daran, dass das Gehirn uns persönlich sehr viel mehr und direkter angeht als die Veränderung der Gletscher.

Das Gespräch fühte Joachim Müller-Jung.

Das Gehirn im Senckenberg-Museum

Noch ist längst nicht jedes Detail der neuronalen Wandertour geplant, die das sportliche Motto haben soll: „Auf Entdeckungsreise durchs Gehirn? Am besten zu Fuß!“ Immerhin aber sind das Konzept und die Mittel unter Dach und Fach. Das zweistöckige, begehbare Gehirn wird Teil der großen Um- und Neubauaktion des Senckenberg Naturmuseums in Frankfurt am Main sein, im Zuge dessen die Grundfläche der Anlage auf nahezu 10 000 Quadratmeter fast verdoppelt wird. Das Gehirn mit der Nachbildung einer menschlichen Hirnrinde soll nach den Planungen von Museumsdirektor Volker Mosbrugger (rechts) und dem Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, Michael Madeja (links), in einem rund 300 Quadratmeter großen Raum mit Galerieebene untergebracht werden. Dieser wird sich in dem neuen Ausstellungsbereich „Mensch“ befinden, der durch die Bereiche Erde, Kosmos und Zukunft ergänzt wird. So wird es neben dem begehbaren Gehirn unter anderem eine Fahrstuhl-Tauchfahrt in die Tiefsee geben, den Nachbau des Columbus-Labors, das an der Internationalen Raumstation (ISS) befestigt ist, sowie einen Globus mit sechs Metern Durchmesser. Für die Entwicklung und den Bau des Gehirns hat die Hertie-Stiftung eine Million Euro investiert. Die Besucher des einmaligen Exponats werden im Innern anhand von Modellen, Animationen und Projektionen Vorgänge wie die Verarbeitung von akustischen Reizen erleben. Die äußere Schale des Exponats soll vor allem den anatomischen Aufbau des Gehirns zeigen. Zudem wird man sich am Rand in weiteren Pavillons vertiefend mit Themen wie der Evolution des Gehirns, der Ontogenese und der Gegenüberstellung des menschlichen Hirns mit den Zentralorganen von Tieren befassen können. (jom)

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