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Hirnforschung : Aufrecht im Wohnzimmer des Geistes

Madeja: Dass unser Gehirn ein Star ist, steht außer Frage. Das Faszinierende, was von ihm ausgeht und das unsere Stiftung schon seit mehr als vierzig Jahren motiviert, Hirnforschung zu fördern, sollten wir auch vermitteln dürfen. Dass man das Gehirn nicht zum Fetisch macht, erreicht man nicht, indem man es nicht in Überlebensgröße darstellt. Das erreicht man, indem wir zeigen und erfahrbar machen, wo die Grenzen auch des so wunderbaren menschlichen Gehirns sind.

Raum-in-Raum: Der Blick von oben auf das Modell der künftigen Senckenberg-Installation.

FRAGE: Wie soll das gehen? Man kann im Museum vermutlich leicht zeigen, was ein Gehirn kann, durch Visualisierungen etwa, aber es ist doch unvergleichlich schwieriger zu zeigen, was es nicht kann?

ANTWORT: Madeja: Das denke ich nicht. Die Grenzen der Hirnleistung kann man schon durch spielerische Elemente verdeutlichen. Ein Beispiel: Wenn Sie einen Roboter haben, der auf Knopfdruck eine Tonleiter spielt, und wenn Sie dann dem Menschen auftragen, er möge die Tonleiter ebenso gleichmäßig spielen, dann wird herauskommen: Es geht nicht, niemals. Es bleiben Ungenauigkeiten, die im System Gehirn eingebaut sind. Selbst trainierte Profimusiker schaffen es nicht auf eine Varianz von unter 5 bis 7 Millisekunden zwischen den Tönen. Eine größere Genauigkeit leistet das menschliche System nicht. So einen Versuch könnte man im Museum realisieren.

Mosbrugger: Wir sind in der Hirnforschung immer noch dabei, Prozesse zu visualisieren, ohne dass wir sie im Detail wirklich verstehen. Diese offenen Fragen müssen wir auch aufzeigen. Es gibt aber nicht nur diese Fragen, die wir heute (noch) nicht beantworten können, sondern noch viel mehr, die sich erst später ergeben, wenn wir mehr zu wissen glauben. Jede Forschung erzeugt immer auch neue Fragen. Wir können uns also dem Systemverständnis immer nur annähern, es wird absolute Grenzen geben.

Madeja: Eine dieser Grenzen ist das Problem zwischen Ich-Perspektive und Dritte-Person-Perspektive: Als Gehirnforscher oder Gehirn-Interessierter betrachte ich Hirnfunktionen gleichsam von außen. Wie ich sie aber erlebe, ist nur mir zugänglich und bleibt der Hirnforschung verschlossen. Die Hirnforschung versucht also ein System zu verstehen, das sie für den Gewinn von Verständnis zwingend selbst braucht und einsetzen muss. Da bleiben unlösbare Erkenntnisprobleme.

Mosbrugger: Das Ziel ist doch zunächst, dass wir so viel verstehen, dass wir damit etwas Praktisches anfangen können. Als man Blitze noch für die Auswirkungen von Gottheiten hielt, war es unmöglich, sich davor zu schützen. Blitzableiter konnte es erst geben, als man verstand, was es mit den Blitzen auf sich hat.

FRAGE: Müsste also, wenn das alles stimmt und so viel offen ist, nicht wirklich viel mehr Geld in die Hirnforschung fließen? Ist die Klage über eine allzu hirnzentrische Sicht nicht eher schädlich für uns alle?

ANTWORT: Madeja: Es ist absolut notwendig, die Hirnforschung voranzutreiben und weiter zu fördern. Allein schon wegen der vielen Menschen, die an Hirnerkrankungen leiden und wegen der Grausamkeit der Symptome. Denken Sie nur an die Alzheimer-Erkrankung. Wenn wir nicht die ethischen Prinzipien im Umgang mit Patienten einschränken wollen, und wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen, müssen wir mit der Hirnforschung neue und wirklich effektive Therapien für die Hirnerkrankungen entwickeln. Aber natürlich sehe ich auch die Probleme, die der Neuroboom mit sich bringt. Die Erwartungen sind zu hoch. Und wenn sich die Erfolge dann nicht so schnell wie versprochen oder erwartet einstellen, dann kann die gesellschaftliche Unterstützung der Hirnforschung schnell und rapide abnehmen. Das ist gefährlich. Die Gentherapie hat gezeigt, wie weit solche Umschwünge von Begeisterung in Enttäuschung eine hoffnungsvolle Disziplin zurückwerfen können.

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