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Hirnforschung : Aufrecht im Wohnzimmer des Geistes

Das ist die Faszination des Authentischen. Deshalb haben Museen als außerschulische Lernorte immer mehr an Bedeutung gewonnen. Für uns Menschen hat das Thema Gehirn eine zentrale Bedeutung, weil es hochgradig mit dem Selbstverständnis des Menschen identifiziert wird. Es ist ein charismatisches Organ, wie das Herz auch, das für Emotionen steht. Das Herz als das Animalische, das Gehirn als das Geistige in uns. Mit der Neugestaltung des Museums wollen wir deutlich machen, dass wir als Mensch Bestandteil eines riesigen Systems, angefangen vom Kosmos und den Planeten, sind. Die Menschen müssen sehen, dass es jenseits der anthropozentrischen Sicht eine wissenschaftliche Sicht gibt, die den Menschen in ein ganz anderes Licht rückt. Wir wollen den Menschen nicht einmal besonders herausheben, er ist letzten Endes eine Spezies von rund zwei Millionen bekannten Arten. Wir zeigen aber das Gehirn als etwas, das sehr stark mit dem Menschen identifiziert wird. Wir wollen nicht nur zeigen, was wir wissen, sondern auch, was wir nicht wissen und vielleicht nie wissen werden. Wem die Wissenschaft als Religionsersatz dient, der macht die Wissenschaften selber zu Gott. Wir wollen aber gerade auch die Grenzen dieses Wissens deutlich machen. Uns muss klarwerden, dass das Gehirn ein Produkt der Evolution ist, wir sind nicht von einem Schöpfergott ausgestattet worden mit einer allmächtigen Erkennbarkeit der Welt. Wenn ich die Evolution berücksichtige, kann ich mir auch die Erkenntnisgrenzen bewusst machen, die in der Evolution liegen.

Prof. Volker Mosbrugger, Direktor des Senckenberg-Museums

FRAGE: Ist es für Sie als Evolutionsforscher abwegig, das menschliche Gehirn künstlich simulieren zu wollen?

ANTWORT: Mosbrugger: Das kann systemisch nicht funktionieren, und zwar aus dem gleichen Grund, warum der Baron von Münchhausen scheitern musste. Ich kann mich nicht selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, weil ich Teil des Systems bin. Wenn ich mich herausziehen will, muss ich außerhalb des Systems stehen.

FRAGE: Wird die Evolution des Menschengehirns auch in der Ausstellung greifbar?

ANTWORT: Madeja: Ja, die Entwicklung des tierischen Gehirns wird in einem zweiten Teil neben der Entwicklung des menschlichen Gehirns dargestellt. Damit ist ein Vergleich möglich, zum Beispiel, wie unterschiedlich Seheindrücke in verschiedenen tierischen Gehirnen verarbeitet werden. Dies ist uns als Hertie-Stiftung auch wichtig, um eine Relativierung des menschlichen Gehirns zu haben: Es ist der - aktuelle - Endpunkt einer Entwicklung, die bei anderen Tieren den Anforderungen entsprechend zu anderen Hirnlösungen geführt hat.

FRAGE: Nun ist mit dem Fortschritt der Forschung und quantitativ auch den Veröffentlichungen zugleich die Zahl der Kritiker gewachsen, die immer wieder vor einer Überhöhung der Hirnforschung warnen. Sind Sie mit einem begehbaren Gehirn nicht auch der Versuchung erlegen, uns und unser Gehirn als begehbare und überlebensgroße Krone der Schöpfung zu präsentieren, gleichsam den Religionsersatz zu befördern?

ANTWORT: Mosbrugger: Unser Ziel als Museologen ist es beides zu zeigen: Was weiß ich und was kann ich mit meinem Wissen anfangen? Und: Wo sind meine Grenzen? Diese realistische, evolutionsbiologische Sichtweise ist essentiell. So erfordert eine Demokratie, dass die Menschen verstehen, was vor sich geht, was machbar und was nicht machbar ist. Und auch für ein selbstbestimmtes Leben muss ich meinen Körper mit seinen Möglichkeiten und Grenzen verstehen. Die Größe des für die Ausstellung geplanten begehbaren Gehirns dient also nicht der Überhöhung; vielmehr können wir dadurch die Komplexität des Gehirns sichtbar machen, bis hin zu den mikroskopisch kleinen Prozessen. Dabei soll klar- werden: Gerade weil wir Menschen ein evolutionäres Produkt sind, sind wir als Art Homo sapiens genau so sehr oder genau so wenig etwas Besonderes wie jede andere Art.

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