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Online-Nachrichtenkonsum : Gefangen in der Filterblase?

  • -Aktualisiert am

Besonders beim Nachrichtenkonsum über Suchmaschinen entscheiden sich Nutzer für die Seiten, die ihrer Meinung am nächsten stehen. Bild: dpa

Im Internet sucht jeder nur Nachrichten, die seine Meinung bestätigen. So die allgemeine Auffassung. Eine neue Studie zeigt, dass es in Wahrheit noch viel schlimmer ist.

          Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass neue Technologien in ihren Folgen überschätzt werden. Es ist daher Skepsis angebracht, wenn aufgrund einer neuen Erfindung wahlweise der Untergang des Abendlandes oder seine Rettung prophezeit werden. Die Telegrafie, das Automobil und der Computer haben die Gesellschaft verändert. Doch meist in anderer Weise, als man in einem frühen Stadium der Entwicklung erhofft oder befürchtet hatte.

          Die Einschätzung der gesellschaftlichen Folgen des Internets bildet hier keine Ausnahme. Viele Pioniere der elektronischen Kommunikation waren optimistisch, diese würde dem von den klassischen Massenmedien zur Passivität verdammten Publikum endlich Teilnahmechancen bieten. Und in der Tat: Nicht nur kann heutzutage jeder ohne große Schwierigkeiten seinen eigenen Blog betreiben, er kann auch auf den digitalen Portalen von Zeitungen seine Meinung kundtun. Damit steigt aber nicht unbedingt die Qualität der politischen Auseinandersetzung. Je mehr Angebote es gibt, desto mehr muss ausgewählt werden - mit der Tendenz, dass man nur noch jene nutzt, die dem eigenen Standpunkt entsprechen.

          Großangelegtes Sozialexperiment

          Die ambivalente Rolle elektronischer Kommunikation in der Politik ist auch das Thema von Studien zur „Segregation“ der politischen Landschaft, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Einerseits könnte man hoffen, dass Wählerinnen und Wähler durch die vielfältigen Angebote im Internet besser informiert werden; andererseits können sie sich genau jene Nachrichtenseiten heraussuchen, die ihre schon bestehenden (Vor-)Urteile bestätigen. Ob eine der beiden Tendenzen überwiegt, haben Forscher der Universitäten Oxford und Stanford sowie der Forschungsabteilung von Microsoft untersucht.

          Die Studie kann sich auf Daten eines großangelegten sozialen Experiments stützen: Nutzer der „Bing Toolbar“, einer Erweiterung für Firefox und andere Internetbrowser, werden bei der Installation gebeten, der anonymen Speicherung und Auswertung ihres Surfverhaltens zuzustimmen. Die Autoren konnten die von Microsoft auf diese Weise gesammelten Daten von 50 000 Nutzern für ihre Analyse nutzen.

          Nutzer begeben sich selten ins andere Lager

          Bisherige Forschungen haben gezeigt, dass Internetnutzer dazu neigen, vor allem solche Informationen zu suchen und zu rezipieren, die ihren eigenen Überzeugungen entsprechen. Es entstehen „Hallräume“, in denen man nur noch sich wechselseitig bestätigende Meinungen antrifft. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Algorithmen, mit denen Suchmaschinen, Facebook und andere ihre Ergebnisse personalisieren. Diese, so die Vermutung, erzeugen „Filterblasen“, in denen die Nutzer nur noch mit Nachrichten versorgt werden, die ihren bereits vorhandenen Präferenzen entsprechen.

          Die Autoren stellen diese Thesen auf den Prüfstand, indem sie anhand der gesammelten Nutzungsdaten untersuchen, welche Nachrichtenseiten besucht werden und ob es eine nach politischen Lagern sortierte Segregation der Mediennutzung gibt. Mit der Rezeption klassischer Printmedien durchaus vergleichbar, zeigt sich eine gewisse Konsistenz der Nutzung: Wer Nachrichtenseiten regelmäßig besucht, liest nur sehr selten eine Nachricht oder gar einen Kommentar aus dem anderen Lager.

          Höchste „Segregation“ bei Suchmaschinennutzung

          Die Studie beleuchtet diesen Effekt genauer, indem sie zwischen vier Kanälen des Nachrichtenzugangs unterscheidet: „direkt“, zum Beispiel über den Internetauftritt einer Zeitung; „aggregiert“ über Google News; „sozial“ über Weiterleitungen von Facebook und Co.; und die gezielte Suche über Google, Bing und Yahoo.

          Ein „Facebook-Effekt“ lässt sich insofern nachweisen, als die Segregation der Nachrichtenrezeption bei der Nutzung sozialer Netzwerke höher ist als bei Nachrichtenaggregatoren und beim direkten Zugriff. Am höchsten ist sie jedoch bei der Nutzung von Suchmaschinen. Ihnen gebührt das zweifelhafte Lob, besonders erfolgreich darin zu sein, den Nutzern genau jene Seiten vorzuschlagen, die ihren Präferenzen entsprechen.

          Besorgniserregend niedriger Nachrichtenkonsum

          Es gibt also sowohl eine an politische Unterscheidungen angelehnte Differenzierung der Medienlandschaft als auch ein dementsprechendes, je nach Kanal unterschiedlich stark ausgeprägtes Rezeptionsverhalten. Der Unterschied zwischen „online“ und „offline“ ist aber nicht besonders groß.

          Wer besorgniserregende Ergebnisse sucht, findet sie im Kleingedruckten. So stand zwar ein Datensatz von insgesamt 1,2 Millionen Nutzern zur Verfügung, ausgewertet wurden aber nur die Daten von 50 000, weil lediglich vier Prozent des Samples das Kriterium „aktiver Nachrichtenkonsum“ erfüllen. Und dass die befürchtete Selektivität der sozialen Medien keine große Rolle spielt, hat auch damit zu tun, dass nur jeder dreihundertste Klick auf Facebook zu einer Nachrichtenseite geht. Katzenvideos und andere unterhaltende Inhalte haben wesentliche größere Bedeutung.

          So zieht man eher das Fazit: Nicht um die Maschinen müssen wir uns Sorgen machen, sondern um die Menschen, die sie nutzen.

          Studie

          Flaxman, Seth; Goel, Sharad; Rao, Justin M. (2016): Filter Bubbles, echo chambers, and online news consumption. In: Public Opinion Quarterly 80 (S1), S. 298-320. DOI: 10.1093/poq/nfw006.

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