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Sangesspuren im Koran : Ein hymnischer Reformgedanke

Koranrezitation mit Sicherheitsabstand während der Corona-Krise Bild: AFP

Die Arabistin Angelika Neuwirth hört sich in Jerusalem christlich-orthodoxe Gesänge aus der Spätantike an, um den Koran besser zu verstehen.

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          Schon in einem Interview mit Alexander Kluge vor drei Jahren (abrufbar bei Youtube) hatte die Berliner Arabistin und Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth die Sphären geschieden. Dass sie an einer historisch-kritischen Dokumentation des Korantextes arbeite, beschränke sich auf all das an der heiligen Schrift des Islams, „was sich zwischen Menschen in menschlicher Sprache abspielt“. Gemeint war damit der debattenförmige Verkehr zwischen dem prophetischen Verkünder und den von ihm Angesprochenen während jener etwa 22 Jahre langen Zeit der Gemeindebildung, deren „Mitschrift“ der Koran sei. Nicht Gegenstand ihrer Koranforschung sei hingegen, so Neuwirth, all das, „was sich zwischen einem transzendenten inspirierenden Ich und einem empfangenden außergewöhnlichen prophetischen Ohr ereignet“. Darüber sage historisch-kritische Forschung generell nichts aus. Beide Hermeneutiken, die historisch-kritische und die transzendente, könnten insoweit nebeneinander existieren, sie seien nicht notwendigerweise als gegensätzliche Lesarten zu verstehen.

          Einer Koranforschung, die nach den spätantiken Entstehungsbedingungen des heiligen Buches fragt, geht es laut Angelika Neuwirth immer auch um die kreative Rolle des Korans im Umgang mit Vorfindlichem. Dazu gehört das jüdische und christliche Vorwissen, das die Hörer des Propheten hatten und das dann ein Echo im Koran fand. So legt Neuwirth es in ihrem Buch „Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang“ dar. Eingegangen in diesen Band waren auch erste Ergebnisse des von Neuwirth geleiteten Forschungsvorhabens Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Einen neuen Aspekt dieses Projekts bringt die Autorin in der Juli-Ausgabe der theologischen Zeitschrift „Herder-Korrespondenz“ zur Sprache, in einem ausführlichen Gespräch mit deren Rom-Korrespondenten Lucas Wiegelmann.

          Brückenschläge zwischen Religionen

          Das Grundanliegen, die Beziehungen des Korans zu christlichen und jüdischen Traditionen freizulegen und insofern Brückenschläge zwischen den Religionen zu finden, bestimmt die Koranforschung schon seit längerem. Bisher sucht man diese Beziehungen vor allem in Texten. Neuwirth, die derzeit in Jerusalem forscht, sucht sie nun auch in der „Performance“, genauer gesagt: in rituellen Hymnengesängen orthodoxer Christen, wie sie in deren stark vom Mönchtum geprägter Liturgie zu vernehmen sind. Diese Gesänge sind sehr alt. Sie lassen sich zum Teil ins vierte oder fünfte Jahrhundert datieren, sind also erheblich älter als der Koran. Insofern sind sie Zeugnis für das, was zur Entstehungszeit des Korans an liturgischen Ausdrucksformen vorzufinden war.

          Neuwirth macht auf einen völlig neuen Aspekt dieser liturgischen Traditionen des Christentums aufmerksam: ihre religionsverbindende Dimension. Das Hörerlebnis christlich-orthodoxer Hymnen in Jerusalem setzt demnach ein tieferes Verständnis für den Islam frei: „Diese Gesänge bieten Deutungen von biblischen Erzählungen und Prophezeiungen, die einem helfen können, wenn man den oft überraschenden Umgang des Korans mit biblischen Stoffen verstehen will“, erklärt die Koranforscherin. „Wir dürfen nicht nur an den Bibeltext selbst herangehen und auch nicht nur an die spätere exegetische Literatur des Judentums und Christentums. Wir müssen auch überlegen, ob nicht bestimmte biblische Stoffe für die sich um Mohammed herausbildende Gemeinde überhaupt erst durch die Erfahrung von liturgischen Performances der anderen Religionen in den Blick getreten sind. Oder besser gesagt: ihnen zu Ohren gekommen sind. Zumal viele Hörer im Milieu des Propheten wahrscheinlich gar nicht lesen und schreiben konnten.“

          Verbindende Hymnen

          Das jüdisch-christliche Vorwissen der Hörer des Propheten, deren auch von Neuwirth immer wieder betonte biblische Bildung, ist nach dieser Hypothese zu einem Gutteil liturgisch vermittelt gewesen und hat dann auch als Gesang sein Echo im Koran gefunden. Das führt im Umkehrschluss zu einer christlichen Reformidee, die bei den Schätzen der Liturgie ansetzen möchte. Mit Angelika Neuwirth lässt sich die Wiederbelebung orthodoxer Gesangstraditionen als religionsverbindender Gottesdienst begreifen. Würde, wer die alten christlich-orthodoxen Hymnen singt, sich damit nicht auch in manch einer Koran-Rezitation wiedererkennen können? Und auch der Prophet könnte womöglich tiefer verstanden werden bei einer Hörerschaft, der die im Koran enthaltenen biblischen Stoffe schon einmal gesangsweise zu Ohren gekommen sind.

          Auch hier bleibt die transzendente Dimension von solcher historisch-kritischer Herleitung unberührt. Aber die religiöse Erneuerung wird in eine Perspektive gerückt, die das quälende Um-sich-selbst-Kreisen mancher christlicher Reformdebatte hymnisch hinter sich lässt.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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