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Büchmanns Zitatenschatz : Änderungen nachverfolgen

Musenrosstäuscher kann man spielend leicht auffliegen lassen, wenn man dieses Buch zur Hand hat. Bild: Fischer Taschenbuch Verlag

Die meisten geflügelten Worte stammen aus trüben Quellen: Heinz Schlaffer würdigt den Büchmann als einen Klassiker positivistischer Aufklärung.

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          „Sehr gebildet“ nennt sich im stillen Selbstgespräch in einer von Erika Fuchs übersetzten Duck-Geschichte der Diplom-Ingenieur Daniel Düsentrieb, weil er nicht nur das Shakespeare-Zitat „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt“, sondern auch dessen Fundstelle (Hamlet, erster Akt) kennt. In der 1864 erschienenen Erstausgabe des Buches „Geflügelte Worte – Der Zitatenschatz des Deutschen Volks“ von Georg Büchmann ist der Spruch noch nicht enthalten. Die neunte, verbesserte und vermehrte Auflage von 1876 klassifiziert ihn dann aber als „eines der vielgebrauchtesten Zitate, das selbst von Leuten angewendet wird, die kaum eine Ahnung von der Existenz Shakespeares haben“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Name des Begründers des Nachschlagewerks, eines Oberlehrers an einer Berliner Gewerbeschule, ist selbst zum geflügelten Wort geworden. In der Germanistik gilt der Büchmann als Hilfsmittel eines vom Dünkel nicht zu unterscheidenden Bildungsstrebens. Heinz Schlaffer korrigiert in einer Miszelle in der Zeitschrift „Geschichte der Germanistik“ (Heft 55/56, 2019, Wallstein) diese Schulweisheit seiner Kollegen. Methodischer Ausgangspunkt Büchmanns war die Vermutung, dass die beliebtesten Zitate typischerweise verballhornt sind, weil ihre Kenntnis nicht auf Lektüre beruht, sondern auf Hörensagen. Es ging ihm, in der pointierten Formulierung von Schlaffers Titel, um „die Korrektur der Bildung durch die Philologie“. An diesem Unternehmen wirkten seine Leser mit: „Korrespondenten“, die weitere Zitate und deren Quellen einschickten.

          Schlaffer stellt abschließend fest, dass es heute für einen Büchmann nichts mehr zu tun gebe. Redner führten keine Klassiker mehr im Mund, und „Comics haben die gereimten Bildergeschichten Wilhelm Buschs abgelöst“. Schon das Beispiel von Erika Fuchs, die sich über die Zitathuberei lustig machte, versteckt Wilhelm Busch zitierte und dadurch ihrerseits zitierfähig wurde, widerlegt den kulturkritischen Befund.

          Dank des Internets wachsen neuen Worten Flügel: Plötzlich zitieren alle Politiker Kurt Schumacher, der angeblich sagte, die Politik beginne mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Der Büchmann unserer Zeit, der solche Falschzitate in seinem Blog und auf Twitter sammelt und korrigiert, ist der Wiener Literaturwissenschaftler Gerald Krieghofer. Auch ihm arbeiten Korrespondenten zu. Seltsamer Fund bei Heinz Schlaffer: eine Bildungslücke.

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