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Soziale Systeme : Die Bühnen der Theorie

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Wenn es voll wird an Deck, kann der Platz auf den Liegen schnell eng werden: Blick auf das Kreuzfahrtschiff Carnival Breeze Bild: AP

Machtsoziologie und Liegestühle auf hoher See: Auch beim Theoretisieren ist der Eröffnungszug entscheidend. Bildlichkeit ist dabei oft der erste Schritt der Abstraktion.

          Gute wissenschaftliche Publikationen lassen sich als kreative Übersetzungen von konkreten Beobachtungen in theoretische Abstraktionen auffassen. Aber wie fängt man an? Wie wäre es mit einer spannenden Geschichte? Nicht irgendeine natürlich. Am besten wäre ein Rätsel, das nach einer Lösung verlangt. Das kann eine durchaus triviale Szene sein, deren Quelle nahezu beliebig ist.

          Sina Farzin und Henning Laux nennen solche Geschichten im Rückgriff auf das Schachspiel „Gründungsszenen“ - also Eröffnungszüge des Theoretisierens. Was sie von Beispielen unterscheidet, ist eben ihre initialisierende Funktion. Sie stehen am Anfang, ihre theoriestrategische Funktion ist es, den zu überzeugenden Leser zunächst einmal ganz einfach für das Kommende zu interessieren. In zeitlich und räumlich abgegrenzten Situationen treten dabei Personen auf, zwischen denen etwas geschieht. Ihr Wirklichkeitsstatus kann unbestimmt bleiben. Es reiche für den Anfang, so Farzin und Laux, wenn der evidenzerzeugende Eindruck entsteht, dass sich die Szene so abgespielt haben könnte.

          Wie Neuankömmlinge eine Ordnung durcheinander bringen

          Vielleicht so: Ein Schiff fährt im Mittelmeer von einem Hafen zum nächsten, an Bord Waren aller Art und Passagiere verschiedener Herkunft: Händler und Touristen, Menschen auf Familienbesuch, Umzügler, Flüchtlinge. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Geht es vielleicht um ein Fährschiff im letzten Sommer irgendwo zwischen Kreta, Santorin und Lesbos? Lesen wir weiter: „Der einzige Luxus und zugleich die einzigen Requisiten der folgenden Handlung sind einige Liegestühle. Es gab etwa ein Drittel so viel wie Passagiere.“

          Die Szene wird nicht viel konkreter, aber man ahnt schon das Problem: Es geht wohl um Knappheit eines begehrten Gutes und darum wahrscheinlich um die Frage, wie die Situation damit umgehen wird. Eine klassische Frage der Soziologie also: Wie entsteht soziale Ordnung? Gestellt hat sie in diesem Fall der Soziologe Heinrich Popitz 1968 in seiner Studie „Prozesse der Macht“, die mit dieser Gründungsszene beginnt - und dann so fortfährt: „In den ersten Tagen . . . wechselten die Liegestühle ständig ihre Besitzer . . . Belegsymbole wurden nicht anerkannt.“

          Noch ist alles im Gleichgewicht, doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf, an dessen Ende für Popitz eine neue soziale Ordnung an Deck herrscht: „Nach der Ausfahrt aus einem Hafen, in dem wie üblich die Passagiere gewechselt hatten, brach diese Ordnung plötzlich zusammen. Die Neuankömmlinge hatten die Liegestühle an sich gebracht und erhoben einen dauerhaften Besitzanspruch.“ Wohl gemerkt „die Neuankömmlinge“ - eine Minderheit also, der es gelingt, sich gegen die Interessen der Mehrheit an der allgemeinen Verfügbarkeit der Liegestühle durchzusetzen.

          Des Rätsels Lösung in drei Stufen

          Machtgenese nannte Popitz dieses zu erklärende Rätsel, das er in drei Stufen unterteilte: Artikulation von Machtansprüchen, deren Stabilisierung und schließlich die allgemeinverbindliche Legitimation und Konsolidierung dieses Anspruchs. Popitz hatte dafür eine ganz bestimmte theoretische Erklärung im Kopf, und seine Indienstnahme der so harmlos erscheinenden Szene für diese Erklärung verrät die ganze Meisterschaft seines Eröffnungszuges.

          Sie liegt in der Reduktion der Szene auf das Wesentliche: Zum einen die meeresbedingte Isoliertheit der Bühne - man ist auf einem Schiff und hat insofern auch keine „Exit-Option“: Der Konflikt um die Nutzung des knappen Gutes kann nicht durch Weggehen gelöst werden und erst recht nicht durch die Entschärfung der Knappheit. Und ganz entscheidend: Es gibt keine übergeordnete Autorität wie etwa die Schiffsbesatzung, die durch einen Entscheid von oben den Streit schlichten könnte. Das sei zwar unwahrscheinlich, schreiben Farzin und Laux, aber Popitz nehme diesen Preis seiner Dekontextualisierung des Geschehens in Kauf, um sich den Traum der Sozialwissenschaften zu erfüllen, den Prozess der Vergesellschaftung von einem imaginierten Nullpunkt aus studieren zu können. Was sieht Popitz da?

          Welche Gruppe kann Interessen am besten organisieren?

          Er bietet eine verblüffend einfache Erklärung an: Es sei die „überlegene Organisationsfähigkeit der Besitzenden“, die ihnen den entscheidenden Vorteil verschaffe gegenüber denjenigen, welche die freie Verfügbarkeit der Stühle als den gerechteren Nutzmodus zu verteidigen suchen. Die Neuankömmlinge, die sich kurzerhand zur Okkupation der Stühle entschlossen hatten, seien durch die von ihnen favorisierte neue Besitzordnung kooperationsfähiger, weil bei ihnen das individuelle und das gemeinsame Interesse identisch sind: den Besitz verteidigen, sich gegenseitig helfen und gemeinsam die Ansprüche der Mehrheit abwehren.

          Die Mehrheit hingegen leidet darunter, dass sie nur in der Ablehnung der in ihren Augen illegitimen Okkupation einig ist. Aber es mangelt der Mehrheit an Einigkeit darüber, welche mögliche Neuordnung denn besser wäre. Uneinigkeit schwächt, Privilegien stärken Gruppen - als „asymmetrische Organisationsfähigkeit von Interessen“ wurde das später intensiv erforscht. Popitz’ Eröffnungsszene machte es möglich.

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