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Soziologie im Haushalt : Wenn der Liebste es halt nicht kann

  • -Aktualisiert am

Wie sieht eine ideale Rollenverteilung aus? (Symbolbild) Bild: picture alliance

Gleichheitsideale in Fragen der Verteilung der Hausarbeit erscheinen offenbar auch Frauen nur bedingt praxistauglich. Es dominiert der Pragmatismus. Der eine macht eben das, was er besser kann.

          3 Min.

          Erhebungen über die Verteilung der Hausarbeit zeigen, dass auch in ausgesprochen egalitär eingestellten Paaren die Frau mehr dazu beiträgt als der Mann, vor allem, wenn Kleinkinder zu versorgen sind. Dies wird gerne als Beleg für die andauernde Benachteiligung der Frauen zitiert. Fragt man indessen, wie die Beteiligten selbst sie erleben, bekommt man, auch von den Frauen, Antworten, in denen die Unterscheidung von Männern und Frauen gar keine Rolle spielt. Die feministische Erklärung der Lage kommt also bei denen, für die sie bestimmt ist, nicht an. Das zeigt nun auch eine Untersuchung, die Allison Daminger, aus Harvard vorgelegt hat.

          Sie hatte 32 Elternpaare der oberen Mittelschicht in separat geführten Interviews nach dem Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Hausarbeit in so gut wie allen Fällen ungleich verteilt war, und zwar in einer deutlichen Mehrheit der Paare zu Lasten der Frau. Der Abstand zur klassischen Rollendifferenzierung war gleichwohl beträchtlich, denn während es fast immer um Mehrbelastungen der Frauen ging, kamen Fälle ihrer mehr oder minder exklusiven Zuständigkeit für Kinder und Küche praktisch nicht vor. Die Autorin glaubt übrigens nicht, dass ihre Paare sich hier besser gemacht haben könnten, als sie sind, da sie auch über andere Unvollkommenheiten ihrer Beziehung freimütig zu sprechen bereit waren.

          Gerechtigkeit versus Effizienz

          Neben diesen Ungleichheiten fiel auf, wie wenig sie zum Gegenstand permanenter Unzufriedenheit oder ernsthafter Änderungsversuche wurden. Die meisten Paare waren mit der Arbeitsteilung zufrieden. Und sie sahen auch keinen Anlass, zwischen ihrer Praxis und ihren Gleichheitsidealen zu wählen. Eine zweite Gruppe von Fragen sollte daher klären, warum sie beides für vereinbar halten.

          Zwei Typen von Gründen wurden genannt, und zwar zunächst einmal solche der Effizienz: Wer kürzere Arbeitszeiten hat und daher eher daheim ist, sollte seinen Zeitvorsprung nutzen, um schon einmal zu kochen. Und statt darauf zu bestehen, dass beide die Kinder abwechselnd zur Kita befördern, sollte das in der Regel derjenige machen, der ohnehin in der Nähe arbeitet. Der zweite Grund lag im Gefälle der persönlichen Fähigkeiten und Unfähigkeiten: Wenn einmal Gäste zu bewirten sind, sollte der bessere Koch am Herd stehen, und bei der Urlaubsvorbereitung sollte die Auswahl der Hotels und der Flüge nicht ausgerechnet demjenigen Partner überlassen bleiben, der dabei immer nur Fehler macht. Vor allem dieser zweite Punkt deckt sich mit den Ergebnissen einer älteren Untersuchung des Themas durch den französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann: Wenn der Partner glaubhaft versichert, dieses oder jenes einfach nicht zu können, dann ist das in Liebesbeziehungen ein Argument.

          Warum wird die feministische Erklärung nicht akzeptiert?

          Dem feministisch geschulten Blick der Autorin ist nicht entgangen, dass viele Männer nach Feierabend ausgerechnet das nicht mehr können wollen, womit sie tagsüber ihr Geld verdienen. Auch auf dem Heimweg aus dem Büro verwandelt sich manches Organisationstalent in einen Chaoten, der ohne die tatkräftige Hilfe seiner Gattin verloren wäre. Außerdem ist ihr aufgefallen, dass hinter den Sachzwängen ungleiche Entscheidungen und ungleiche Opferbereitschaften stecken. Die Arbeitszeiten der Frau sind ja nur darum kürzer, weil nur sie sich zu Teilzeitarbeit bereitfand. Aber auch dafür mag es Sachgründe geben, etwa in der Größenordnung der zu erwartenden Einkommensverluste.

          Aber zurück zur Hauptfrage: Warum werden die feministischen Erklärungen nicht akzeptiert? Beide Typen von Argumenten können so geschlechtsneutral formuliert werden, dass die stärkere Belastung der Frau als Zufall erscheint. Es trifft sie härter als den Mann, aber nicht, weil sie die Frau ist, sondern aus anderen Gründen und nur so lange, wie diese fortbestehen. Die Paare verstehen den Gleichheitsgrundsatz also ungefähr so, wie auch Juristen es tun würden: nicht als Verbot von Ungleichheiten, sondern als Zwang, sie zu begründen, und zwar aus der Sache und nicht aus dem Geschlecht der Beteiligten.

          Diese Lesart hat den bedeutenden Vorzug, dass man aus der einen Ungleichheit keine andere ableiten kann. Aus der ungleichen Verteilung der Hausarbeit folgt also nicht, dass auch die Durchsetzungschancen in kognitiven Meinungsverschiedenheiten oder auch der Einfluss auf die Kindererziehung oder auf die Auswahl der größeren Anschaffungen ungleich verteilt sein müssten, und schon gar nicht, dass auch hier die Frau das Nachsehen haben müsste. All das muss vielmehr, Thema für Thema, immer erneut geprüft werden.

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