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Forschung zur Zaubererwelt : Die katastrophale Marktwirtschaft bei Harry Potter

Statt sich mit Wirtschaftstheorien auseinanderzusetzen, lesen Harry und seine Freunde Bücher über Zaubertränke. Bild: Reuters

Wer heimlich wünscht, lieber in der magischen Welt von Harry Potter zu leben, der wird von einer aktuellen Studie enttäuscht: die Marktwirtschaft dort sei eine Katastrophe, berichten Ökonomen. Mit ihren Fehlern ist sie der Realität ziemlich ähnlich.

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          Die Zaubererwelt der „Harry Potter“-Bücher ist ökonomisch ein Desaster. Freilich nicht für die Autorin J.K. Rowling, die mit den Romanen über die Zaubererschule reich wurde. Die Wirtschaftswissenschaftler der Bar-Ilan University nehmen in einer aktuellen Studie vielmehr das in der magischen Welt herrschende Wirtschaftssystem unter die Lupe. Und das weist, wie sie im Fachjournal „Oxford Open Economics“ erörtern, zahlreiche Mängel auf.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Frage drängt sich auf, warum gelehrte Ökonomen überhaupt zum Sparverhalten und Marktvertrauen von Romanfiguren publizieren, obendrein aus einer Geschichte, in der Autos fliegen können und Kartoffeln sich selbst schälen. Doch Menschen eigneten sich nun einmal einen Großteil ihres Wissens über Wirtschaft durch Bücher oder Zeitungen an, erklären die Autoren. Und da Schätzungen zufolge immerhin rund 7,3 Prozent der Menschheit die Potter-Bücher gelesen hätten, und zahlreiche Millionen mehr die Filme schauten, habe die Welt der Hogwarts-Schule für Zauberei das ökonomische Grundverständnis einer ganzen Generation geprägt.

          Und das ist ein ziemliches Problem – schon in der Grundstruktur der Harry-Potter-Wirtschaft vermischten sich konträre Modelle und Weltanschauungen. So stände sie zwar „marktbasierten Systemen kritisch“ gegenüber, andererseits würde die Regierung kleingehalten. Diese sei obendrein korrupt und würde im Zauberervolk trotzdem anerkannt.

          Besonders hadern die Ökonomen jedoch mit der magischen Währung. Die goldene Galleone ist dort die höchste Einheit. Sie entspricht 17 silbernen Sickeln, eine Sickel wiederum 29 bronzenen Knut. Dieses System, das Rowling hübsch auf Primzahlen aufbaute, sei praktisch völlig unbrauchbar – ein zu komplizierter Wechselkurs erschwere die flexible Preisgestaltung. „Mangelnde Teilbarkeit zwingt Einzelhändler dazu, runde Preise zu verwenden.“ Den Ökonomen kann man nach eingehender Text-Recherche entgegnen: Trotz dieser imponierenden Ineffizienz verkaufen sich Zauberstäbe und beißende Boomerangs fantastisch.

          Technischen Fortschritt gibt es nur bei Besen

          Auch sind Zauberer, Hexen und Kobolde den Wirtschaftswissenschaftlern nicht gierig genug. Dass nämlich eine goldene Galleone eingeschmolzen und als Gold wiederum an Muggel verkauft dem listigen Zauberer viel mehr Gewinn einbringen könnte, als das schnöde Deponieren bei Gringotts, der Zaubererbank, darauf scheinen selbst die „gierigsten“ unter den magischen Bankern nicht zu kommen. Solche „effizienzsteigernden Transaktionen“, ebenso wie „Arbitragemöglichkeiten“ werden von den Magiern einfach ignoriert. Und überhaupt hält Gringotts ein Monopol! J.K. Rowling muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Leser über die Marktposition der Zaubererbank und das magische Kartellrecht im Dunkeln zu lassen.

          Zudem gibt es in der Zaubergesellschaft keinen technischen Fortschritt. Die Freuden eines ständig piependen Smartphones etwa bleiben ihnen verwehrt. Während wir Muggel uns von Brieftaube zu TikTok gemausert haben, versenden Zauberer ihre Post immer noch per Eule und statt schicker Energiesparlampen zünden sie Kerzen an. Der einzige technische Fortschritt, so halten die Ökonomen fest, findet sich in der Rennbesen-Industrie, „wo jährlich neue Modelle vorgestellt werden“. Tatsächlich liegen die Wirtschaftswissenschaftler richtig, gleich mehrfach wird die technische Überlegenheit von Harrys Besen, dem Feuerblitz, betont, der nach internationalem Standard gebaut ist und von 0 auf 250 Stundenkilometer in nur zehn Sekunden beschleunigt.

          Vieles trennt also die Ökonomie der Harry-Potter-Welt von einer Utopie. Zudem sind die politischen Vorgänge intransparent, die korrupte Regierung kontrolliert die Medien, Reichtum zählt mehr als alles andere, gleichzeitig sind Reiche überwiegend Fieslinge, es gibt keine Zinsen, Beamte werden unabhängig von ihrer Effizienz im Job gehalten.

          Das kommt Ihnen bekannt vor? Hat man nicht von ähnlichen Zuständen gestern in der Tagesschau gehört? „Die oben aufgeführten Mängel kennzeichnen viele Realwirtschaften“, räumt auch der Studienautor Daniel Levy ein. „Das erklärt vielleicht, warum das in den Harry-Potter-Romanen erkennbare Wirtschaftsmodell bei den Menschen Anklang findet.“ Ein anderer Vorteil dieses Wirtschaftsmodells ist freilich, dass man sich von seinem hart erarbeiteten Geld in dieser Welt einen Rennbesen kaufen kann, mit dem man durch die Luft fliegt – statt am Ende nur seine Gasrechnung damit zu begleichen.

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