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Geisteswissenschaften am Ende? : Apokalyptiker und Alimentierte

  • -Aktualisiert am

Die Einsamkeit des Langstreckendenkers: Bei einer Konferenz in Lüneburg traf Hans Ulrich Gumbrecht im Juni 2019 noch ein paar Kollegen an. Bild: Claus Pias

Hans Ulrich Gumbrecht verkündet das nahe Ende der Geisteswissenschaften. Sind sie wirklich nur noch dafür gut, Hochschullehrern das Niveau ihres Einkommens zu garantieren?

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          Stell dir vor, es gibt keine Geisteswissenschaften mehr, und keiner merkt es (außer Geisteswissenschaftlern, versteht sich): Das ist in etwa die Formel, mit der Hans Ulrich Gumbrecht das zu erwartende Ende der humanities vorwegnehmend beschreibt. Seit einiger Zeit an der Universität Stanford emeritiert, sieht der Romanist den Untergang der Zunft nahen – wobei man konzedieren muss, dass er schon vor dem Ende seiner aktiven Laufbahn ihr Verschwinden kommen sah, so in einem Vortrag an der Universität Hamburg im Jahr 2015, in dem schon Etliches von dem zu hören war, was am 29. Oktober die „Neue Zürcher Zeitung“ zur Lektüre anbot.

          Es sieht es so aus, als bekümmere ihn der von ihm angeblich für ziemlich gewiss gehaltene Untergang der Geisteswissenschaften nicht sonderlich; vielmehr scheint die Geschichte hier noch einmal ihres Amtes als Gericht zu walten und ein verdientes, ja unausweichliches Ende dem zu bereiten, was es nicht besser verdient. In der Tat, träfe es zu, dass das verbliebene Interesse an den Geisteswissenschaften weitgehend in einer Sicherung der Einkommensquelle für Hochschullehrer bestehe, so ließe sich alldem unbesehen zustimmen. Womöglich aber verhält es sich – noch immer – ein wenig anders.

          Gumbrecht leitet seine Analyse aus einem grand récit der Geschichte der Geisteswissenschaften ab, deren „Glanz- und Prestigezeit“ er „zwischen Romantik und Erstem Weltkrieg“ liegen sieht, „als ästhetische Erfahrung in der Begegnung mit Literatur, Kunst und Musik für die aus der Aufklärung hervorgegangenen bürgerlichen Gesellschaften zunehmend die Rolle einer säkularen Religion erfüllte“. Spätestens hier wird man darauf aufmerksam, dass der Verfasser wohl vor allem an sein eigenes Fach denkt, wenn er zur Situation der Geisteswissenschaften Stellung bezieht.

          Wo ist die Geschichte geblieben?

          Es will nicht einleuchten, dass etwa die Geschichte oder auch die Philosophie ihre primäre Zweckbestimmung in der Vermittlung ästhetischer Erfahrung besitzen sollen. Die Philosophie nennt Gumbrecht nur, wo er auf die exorbitanten Gehälter zu sprechen kommt, die einige amerikanische Universitäten prominenten Professoren zahlen. Vor allem das Fehlen der Geschichte springt ins Auge, denn sie repräsentiert jenes Konzept, das den Geisteswissenschaften ihre ursprüngliche epistemologische Grundlage besorgt hat.

          Geisteswissenschaften sind entstanden, als sich die Beschäftigung mit den Belangen des Menschen in der Folge der Aufklärung nicht mehr auf eine für alle Menschen gleiche natura hominis und darum ebenso wenig auf eine allgemeinverbindliche systematische Theorie zurückführen ließ. Neben einer systematischen Erkundung der charakteristischen Eigenheiten des Menschen und seiner Hervorbringungen tritt deshalb eine historische Rekonstruktion, die das Wesen der jeweiligen Dinge aus ihrer Entstehung und Entwicklung heraus zu erklären versucht. Geisteswissenschaften gründen also zu beträchtlichen Teilen auf einer Vermittlung von Empirie und Theorie im Hinblick auf den Faktor Zeit. So erweist sich die Ausblendung der Geschichte aus Gumbrechts Geschichte der Geisteswissenschaften als symptomatisch. Die Prominenz, die er der „ästhetischen Erfahrung“ zubilligen möchte, nimmt sich wie ein Erbstück seiner Konstanzer Vergangenheit aus.

          Nun fragt sich jedoch, ob selbst für jene Wissenschaften, die sich mit Artefakten beschäftigen, Gumbrechts Charakteristik ihrer Verfahren wie Zielsetzungen für die beschworene Glanzzeit zutrifft. Die Beschäftigung mit Literatur zu diesen Zeiten war vor allem Literaturgeschichte, mit der Methode der Rekonstruktion eines Werks aus den biographischen Umständen seines Autors.

          Das Risiko der Forschung zu Artefakten

          Nicht ästhetische Erfahrung zu vermitteln war die Aufgabe, die sich die betreffenden Disziplinen stellten, sondern die Rationalisierung einer schon vorausgesetzten ästhetischen Wirkung. Hierin liegt der Anspruch wie das Risiko akademischer Beschäftigung mit Artefakten. Aber diese Problemlage ist diejenige von bestimmten Geisteswissenschaften, keineswegs eine solche der Geisteswissenschaften schlechthin.

          Nun lässt Gumbrecht spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs deren Niedergang beginnen. Zustande kommt ihr Abstieg durch ein Wechselspiel von Rückzug in den Elfenbeinturm und einer mitunter emphatischen Suche nach Öffentlichkeit, die selbst vor der Allianz mit den fragwürdigsten Ideologien nicht zurückschreckt. So heute wieder: Inzwischen, so sein Gegenwartsbefund, hätten sich die Geisteswissenschaften in eine Bastion politischer Korrektheit verwandelt, mit deren Propagierung sie sich ebenso hartnäckig wie aussichtslos einen Rest an Relevanz erhalten wollten.

          Doch – die gute Nachricht: Noch ist nicht alles verloren! Denn ein – letzter – Ausweg bleibt. Sollte es den humanities gelingen, sich „neue Funktionen“ zu erschließen, dann könnte ein Überleben womöglich glücken. Nur ist dieses Neue nicht wirklich neu: „Selbst unser Alltag wirkt mehr denn je von Momenten ästhetischer Erfahrung durchsetzt, deren Konkretheit dem Bedürfnis entgegenkommt, sich in einer Gegenwart verwirrender Orientierungslosigkeit existentiell festhalten zu können.“ Da ist sie wieder, die „ästhetische Erfahrung“, die ja schon zu den Glanzzeiten der Geisteswissenschaften deren Ruhm begründet haben soll.

          Erinnerung an die Präsenz-Effekte

          Nur haben sie nun selbst die Vermittlung einer solchen Kompetenz und damit die Rolle einer innerweltlich sakralisierten Kunst übernommen: „Eine solche Praxis könnte zurückführen zu einem säkularen Stil individueller Konzentration und Kontemplation, in dem schon immer die eigentliche Stärke, ja der spezifische gesellschaftliche Beitrag der sogenannten Geistes-,Wissenschaften‘ gelegen hatte.“ Das erinnert zu sehr an jene Präsenz-Effekte, die Gumbrecht seit geraumer Zeit als das Remedium gegen eine hermeneutisch entstellte Literatur (und Kunst im Allgemeinen) empfiehlt. Nun also haben auch die Geisteswissenschaften diesem Zweck zu dienen.

          Allerdings fragt sich, ob es sich dann noch um solche handelt. Es fällt nicht ganz leicht, sich vorzustellen, wie etwa die Holocaust-Forschung diesem Ziel dienen soll. So scheint Gumbrechts Empfehlung wie aus dem Geist einer romantischen Poetik geboren, die schließlich allen Versuchen, den Erzeugnissen von Dichtung und Kunst durch Rationalisierung beizukommen, erfolgreich ein Ende zu bereiten wusste.

          Wenn der Unterzeichnete skeptisch gegenüber dem Erfolg einer solchen Medikamentierung dahinsiechender humanities bleibt, dann nicht nur deshalb, weil sie weite Bereiche der Geisteswissenschaften ratlos zurücklässt. Gumbrecht möchte die Geisteswissenschaften vielmehr in eine Aufgabe zurückführen, die sie nie besessen haben, um sie zugleich um das zu bringen, was ihren unaufgebbaren Kern wie ihre Stärke ausmacht: die rationale Erkundung der Kultur. Gibt man sie preis, so sind die Geisteswissenschaften wirklich untergegangen.

          Für die Schule

          Auffällig an Gumbrechts Ausblick auf ihr (womöglich doch noch zu verhinderndes) Ende ist das Fehlen eines Begriffs, der wesentlich mit den Geisteswissenschaften verbunden ist: des Begriffs der Bildung. Und ebenso fehlt die Erwähnung ihres bedeutsamsten institutionellen Rahmens: der Schulbildung. Die Schule und im Besonderen das Gymnasium ist der klassische Ort, an dem die Geisteswissenschaften ihren vermeintlichen Elfenbeinturm verlassen. Es ist in dieser Hinsicht durchaus aufschlussreich, dass zu ihren „Glanzzeiten“ auch Vertreter der Schule durchaus zur fachlichen Diskussion, die an den Universitäten geführt wurde, beitrugen.

          Das alles ist freilich längst Vergangenheit. Zukunft aber hat eine neue Orientierung der Geisteswissenschaften auf die Belange schulischer Ausbildung hin, die sie seit langem sträflich vernachlässigen. Lehramtsstudenten zählen vielfach zu den ungeliebten Studierenden. Eine einseitige Ausrichtung auf die universitäre Selbstreproduktion von Forschern aber nimmt den Geisteswissenschaften in der Tat die Voraussetzung ihrer Verankerung in einer außerakademischen Öffentlichkeit, in der sie – allen unstrittigen und nicht zu beschönigenden Defiziten zum Trotz – nach wie wir vor wichtige Dienste zu leisten hat.

          Aber just im Hinblick auf diese Aufgabe ist es leichtfertig, ihren konzeptuellen Kern preiszugeben. Die rationale Analyse der Kultur, die kritischen Geist schafft und Urteilsfähigkeit hervorbringt, sind notwendige Ingredienzien einer jeden Bildung, die sich durch keine „ästhetische Erfahrung“ ersetzen lässt – deren Wert davon selbstredend unberührt bleibt. Und selbst die akademische Vermittlung von Literatur auf einen solchen Zweck zu reduzieren hieße, ihr ein wertvolles Potential vorzuenthalten. Denn die Beschäftigung mit komplexen Fällen von Sprachverwendung, wie sie ästhetische Texte bieten, schult den analytischen Umgang mit Sprache und damit die souveräne Handhabung jenes Mediums, das, ungeachtet aller turns, noch immer das bedeutsamste Kommunikationsmittel des Menschen darstellt.

          Fragt man also, wo sich der Untergang der Geisteswissenschaften wohl doch – und vermutlich sogar nachhaltig – bemerkbar machen würde, dann sind es die Institutionen unserer schulischen Bildung, deren Träger zu erheblichen Teilen in den Geisteswissenschaften ausgebildet werden. Gleiches gilt natürlich für andere Institutionen, in denen ihre Absolventen tätig werden: für Museen und Verlage, für Zeitungsredaktionen,Theater und so weiter. Den unbemerkten Untergang der Geisteswissenschaften, bei denen zweifellos Etliches im Argen liegt, voraussagen kann deshalb nur, wer sie in der Selbstgenügsamkeit einer gewiss erbaulichen ästhetischen Erfahrung hat aufgehen lassen.

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