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Geisteswissenschaften am Ende? : Apokalyptiker und Alimentierte

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Wenn der Unterzeichnete skeptisch gegenüber dem Erfolg einer solchen Medikamentierung dahinsiechender humanities bleibt, dann nicht nur deshalb, weil sie weite Bereiche der Geisteswissenschaften ratlos zurücklässt. Gumbrecht möchte die Geisteswissenschaften vielmehr in eine Aufgabe zurückführen, die sie nie besessen haben, um sie zugleich um das zu bringen, was ihren unaufgebbaren Kern wie ihre Stärke ausmacht: die rationale Erkundung der Kultur. Gibt man sie preis, so sind die Geisteswissenschaften wirklich untergegangen.

Für die Schule

Auffällig an Gumbrechts Ausblick auf ihr (womöglich doch noch zu verhinderndes) Ende ist das Fehlen eines Begriffs, der wesentlich mit den Geisteswissenschaften verbunden ist: des Begriffs der Bildung. Und ebenso fehlt die Erwähnung ihres bedeutsamsten institutionellen Rahmens: der Schulbildung. Die Schule und im Besonderen das Gymnasium ist der klassische Ort, an dem die Geisteswissenschaften ihren vermeintlichen Elfenbeinturm verlassen. Es ist in dieser Hinsicht durchaus aufschlussreich, dass zu ihren „Glanzzeiten“ auch Vertreter der Schule durchaus zur fachlichen Diskussion, die an den Universitäten geführt wurde, beitrugen.

Das alles ist freilich längst Vergangenheit. Zukunft aber hat eine neue Orientierung der Geisteswissenschaften auf die Belange schulischer Ausbildung hin, die sie seit langem sträflich vernachlässigen. Lehramtsstudenten zählen vielfach zu den ungeliebten Studierenden. Eine einseitige Ausrichtung auf die universitäre Selbstreproduktion von Forschern aber nimmt den Geisteswissenschaften in der Tat die Voraussetzung ihrer Verankerung in einer außerakademischen Öffentlichkeit, in der sie – allen unstrittigen und nicht zu beschönigenden Defiziten zum Trotz – nach wie wir vor wichtige Dienste zu leisten hat.

Aber just im Hinblick auf diese Aufgabe ist es leichtfertig, ihren konzeptuellen Kern preiszugeben. Die rationale Analyse der Kultur, die kritischen Geist schafft und Urteilsfähigkeit hervorbringt, sind notwendige Ingredienzien einer jeden Bildung, die sich durch keine „ästhetische Erfahrung“ ersetzen lässt – deren Wert davon selbstredend unberührt bleibt. Und selbst die akademische Vermittlung von Literatur auf einen solchen Zweck zu reduzieren hieße, ihr ein wertvolles Potential vorzuenthalten. Denn die Beschäftigung mit komplexen Fällen von Sprachverwendung, wie sie ästhetische Texte bieten, schult den analytischen Umgang mit Sprache und damit die souveräne Handhabung jenes Mediums, das, ungeachtet aller turns, noch immer das bedeutsamste Kommunikationsmittel des Menschen darstellt.

Fragt man also, wo sich der Untergang der Geisteswissenschaften wohl doch – und vermutlich sogar nachhaltig – bemerkbar machen würde, dann sind es die Institutionen unserer schulischen Bildung, deren Träger zu erheblichen Teilen in den Geisteswissenschaften ausgebildet werden. Gleiches gilt natürlich für andere Institutionen, in denen ihre Absolventen tätig werden: für Museen und Verlage, für Zeitungsredaktionen,Theater und so weiter. Den unbemerkten Untergang der Geisteswissenschaften, bei denen zweifellos Etliches im Argen liegt, voraussagen kann deshalb nur, wer sie in der Selbstgenügsamkeit einer gewiss erbaulichen ästhetischen Erfahrung hat aufgehen lassen.

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