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Geisteswissenschaften am Ende? : Apokalyptiker und Alimentierte

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Nun fragt sich jedoch, ob selbst für jene Wissenschaften, die sich mit Artefakten beschäftigen, Gumbrechts Charakteristik ihrer Verfahren wie Zielsetzungen für die beschworene Glanzzeit zutrifft. Die Beschäftigung mit Literatur zu diesen Zeiten war vor allem Literaturgeschichte, mit der Methode der Rekonstruktion eines Werks aus den biographischen Umständen seines Autors.

Das Risiko der Forschung zu Artefakten

Nicht ästhetische Erfahrung zu vermitteln war die Aufgabe, die sich die betreffenden Disziplinen stellten, sondern die Rationalisierung einer schon vorausgesetzten ästhetischen Wirkung. Hierin liegt der Anspruch wie das Risiko akademischer Beschäftigung mit Artefakten. Aber diese Problemlage ist diejenige von bestimmten Geisteswissenschaften, keineswegs eine solche der Geisteswissenschaften schlechthin.

Nun lässt Gumbrecht spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs deren Niedergang beginnen. Zustande kommt ihr Abstieg durch ein Wechselspiel von Rückzug in den Elfenbeinturm und einer mitunter emphatischen Suche nach Öffentlichkeit, die selbst vor der Allianz mit den fragwürdigsten Ideologien nicht zurückschreckt. So heute wieder: Inzwischen, so sein Gegenwartsbefund, hätten sich die Geisteswissenschaften in eine Bastion politischer Korrektheit verwandelt, mit deren Propagierung sie sich ebenso hartnäckig wie aussichtslos einen Rest an Relevanz erhalten wollten.

Doch – die gute Nachricht: Noch ist nicht alles verloren! Denn ein – letzter – Ausweg bleibt. Sollte es den humanities gelingen, sich „neue Funktionen“ zu erschließen, dann könnte ein Überleben womöglich glücken. Nur ist dieses Neue nicht wirklich neu: „Selbst unser Alltag wirkt mehr denn je von Momenten ästhetischer Erfahrung durchsetzt, deren Konkretheit dem Bedürfnis entgegenkommt, sich in einer Gegenwart verwirrender Orientierungslosigkeit existentiell festhalten zu können.“ Da ist sie wieder, die „ästhetische Erfahrung“, die ja schon zu den Glanzzeiten der Geisteswissenschaften deren Ruhm begründet haben soll.

Erinnerung an die Präsenz-Effekte

Nur haben sie nun selbst die Vermittlung einer solchen Kompetenz und damit die Rolle einer innerweltlich sakralisierten Kunst übernommen: „Eine solche Praxis könnte zurückführen zu einem säkularen Stil individueller Konzentration und Kontemplation, in dem schon immer die eigentliche Stärke, ja der spezifische gesellschaftliche Beitrag der sogenannten Geistes-,Wissenschaften‘ gelegen hatte.“ Das erinnert zu sehr an jene Präsenz-Effekte, die Gumbrecht seit geraumer Zeit als das Remedium gegen eine hermeneutisch entstellte Literatur (und Kunst im Allgemeinen) empfiehlt. Nun also haben auch die Geisteswissenschaften diesem Zweck zu dienen.

Allerdings fragt sich, ob es sich dann noch um solche handelt. Es fällt nicht ganz leicht, sich vorzustellen, wie etwa die Holocaust-Forschung diesem Ziel dienen soll. So scheint Gumbrechts Empfehlung wie aus dem Geist einer romantischen Poetik geboren, die schließlich allen Versuchen, den Erzeugnissen von Dichtung und Kunst durch Rationalisierung beizukommen, erfolgreich ein Ende zu bereiten wusste.

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