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Philosoph contra Reich-Ranicki : Darf man Goethe korrigieren?

Goethes Lorbeerkranz? Das ist ja kolossal! Von den Ruhmesblättern des Dichterfürsten sollte doch eines für den Kritikerpapst abfallen. Bild: Frank Sommariva / imageBROKER /

Darf man Dichter verbessern? Sogar im Fall von Goethe? Der Philosoph Hans Blumenberg protestierte brieflich gegen einen Eingriff des Kritikers Marcel Reich-Ranicki.

          3 Min.

          „Ein falsch gebrauchtes Goethe-Zitat“ behandelte der Aufmacher des Feuilletons dieser Zeitung vom 26. Juli 1968. Friedrich A. Wagner berichtete über einen Aufsatz im Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft, der den Wortlaut des Briefs an Augusta Gräfin zu Stolberg vom 17. Juli 1777 nach der Handschrift mitteilte: „Alles gaben Götter die unendlichen“. In der Schule hatte Wagner den ersten Vers des Vierzeilers, mit dem Goethe auf den Tod seiner Schwester reagierte, anders gelernt: „Alles geben die Götter, die Unendlichen“. In dieser Fassung wurde der Vers in der Zeitung gedruckt, als das Gedicht 1999 in der Frankfurter Anthologie interpretiert wurde – von Marcel Reich-Ranicki.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der langjährige Literaturchef der Zeitung begründete, warum er die 1780 von Augustas Bruder Friedrich in einer Zeitschrift publizierte Version für die richtige hielt, für eine Fassung letzter Hand: „Hat es Stolberg etwa gewagt, Goethes Verse zu redigieren? Das kann ich nicht glauben. Denn wäre es so, dann hätte der Autor, der das ,Deutsche Museum‘ zu lesen pflegte, sofort protestiert. Es ist eher anzunehmen, dass die neue Fassung von Goethe selber stammte.“ Mit diesem Argument aus dem Schweigen wies Reich-Ranicki stillschweigend auch den Protest zurück, der ihm von einem Leser zugegangen war, als er 1987 im Nachwort zu einer Sammlung mit Interpretationen von Liebesgedichten Goethes seine Auffassung schon einmal dargelegt hatte.

          Dass der Abdruck des Gedichts in der Insel-Bücherei nicht dem Manuskript folgte, rügte der Philosoph Hans Blumenberg in einem Brief an den Verleger Siegfried Unseld, der Reich-Ranicki unterrichtete. Dessen Antwort veranlasste Blumenberg, einen Brief an Reich-Ranicki aufzusetzen, den er wohl nie abschickte – wie Dorit Krusche vermutet, die Blumenbergs Nachlass in Marbach bearbeitet und im Reich-Ranicki-Sonderheft der germanistischen Zeitschrift der Universität Lille über die Kontroverse berichtet, die briefliche Variante jenes Typs von verunglücktem Gipfeltreffen, den Blumenberg in seiner Glossensammlung „Die Sorge geht über den Fluss“ erörtert („,Marcellus non papa ex cathedra‘ – Zwei Begegnungen zwischen Hans Blumenberg und Marcel Reich-Ranicki“, in: Marcel Reich-Ranicki – une critique littéraire populaire? Germanica, Bd. 65, 2019).

          Arbeit am Rhythmus

          Es ist wohl typisch für Reich-Ranicki, dass er seine Sicht des Falls zwölf Jahre nach dem Austausch mit Blumenberg noch einmal zuspitzte. Im Insel-Nachwort hatte er noch scheinbar vorsichtig geschrieben, „der Gedanke“ sei „nicht abwegig“, dass Goethe „auch den Aufsatz mit dem zitierten Gedicht gelesen und die eventuell von Stolberg vorgenommenen Änderungen gebilligt“ habe. Entscheidend war für Reich-Ranicki die Überzeugung, dass „Stolbergs Version der ursprünglichen Fassung entschieden vorzuziehen ist“. Die Anpassung des Rhythmus durch Einfügung des Artikels hielt er für eine Verbesserung – kühn postulierte er, nichts spreche für eine Absicht Goethes, den Rhythmus gleich am Anfang zu durchbrechen.

          Das Präteritum „gaben“ drückt laut Reich-Ranicki „eine allgemeine Erfahrung“ aus. Blumenberg schrieb über die „Vergangenheitsform“ an Unseld: „Goethe wusste, weshalb er sie gebrauchte (darüber anderwärts).“ Im Briefentwurf an Reich-Ranicki finden sich die damit in Aussicht gestellten Erläuterungen nur in Andeutungen. Die Einlassungen zur Sache werden überdeckt von persönlicher Polemik, vorgetragen als Rollenunterscheidung im Modus fingierter Bescheidenheit: „Dass Sie gegenläufige Argumente nicht abwägen, ist dem Kritiker – dessen Geschäft ich seit 30 Jahren nur als Zuschauer kenne – wohl erlaubt.“

          Als „Nicht-Kritiker“ wollte Blumenberg sich „nicht herausnehmen, die zu Goethes Gedicht zu stellenden Fragen auch hier zu stellen: wer spricht wann?“. Die Versetzung ins Präsens lenkt von dieser Frage ab, indem sie, wie Krusche im Sinne Blumenbergs ausführt, die doppelgesichtigen Gaben der Götter „generalisiert und entindividualisiert“ – Reich-Ranicki hörte genau im Gegenteil aus der Gegenwartsform die „persönliche Erfahrung“ heraus. Gegenüber Unseld spottete der Nicht-Kritiker mit einer musikgeschichtlichen Doppelanspielung über den Nicht-Papst „Marcellus“, der ihn mit einer abweisenden Antwort in anderer Sache gekränkt hatte.

          Für Blumenberg verbot der Textbefund jeden päpstlichen Eingriff: „Wünsche gelten nun einmal für Handschriften nicht.“ Mit geradezu lutherischem Furor wollte er Reich-Ranicki zur Kenntnis geben: „Jedermann weiß, dass es unmöglich ist, vor dem Richtstuhl des Geschmacks recht zu behalten oder recht zu bekommen.“ Nur die Schrift sollte entscheiden: Blumenberg vermied die Verlegenheit, sich für unfehlbar zu halten. Aber wenn er vom Manuskript „das hochgemute Präsens“ der Schulausgaben unterschied, war das ein Urteil seines moralischen Geschmacks.

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