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Selbsterfüllende Prophezeiung : Warum wir hamstern

  • -Aktualisiert am

Leere Regale sind überall zu sehen. Bild: dpa

Hamstern als Folge einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn nur ausreichend viele Leute glauben, dass es morgen kein Bargeld, kein Toilettenpapier oder keine Nudeln mehr geben wird, dann wird genau dies eintreten.

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          Hamsterkäufe in Supermärkten mögen unsolidarisch sein. Sie sind aber nicht nur allzu menschliches, sondern vor allem ein soziales Handeln: Man hamstert nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil man die anderen und deren Handeln im Blick hat. Persönliche Verunsicherung mag eine Rolle spielen, doch spielen neben irrationalen Ängsten auch mehr oder weniger rationale Überlegungen mit.

          In Krisenzeiten wird das Grundproblem der Wirtschaft deutlich: Die Güter an sich sind nicht knapp, das werden sie erst, wenn der eine sich etwas nimmt, was der andere gerne hätte. Ein Wirtschaftssystem funktioniert, wenn es den darin liegenden Konflikt entschärfen kann – indem es die Gewissheit schafft, dass ich meine Zurückhaltung heute nicht morgen bereuen muss. Doch wenn alle versichern, dass die Versorgung gesichert ist, warum kommt es dennoch zu Knappheit?

          Eine Antwort auf diese Frage gibt der amerikanische Soziologe Robert K. Merton (1910 bis 2003) in seinem klassischen Text zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Darin schildert er das Beispiel einer amerikanischen Bank, die trotz guter Liquidität in die Insolvenz geriet, weil sich das Gerücht verbreitete, sie habe nicht genügend Rücklagen. Besorgte Sparer beeilten sich, ihre Einlagen abzuheben. Da aber keine Bank alle Einlagen gleichzeitig zurückzahlen kann, bedeutete dies den Bankrott.

          Der „bank run“ ist ein Musterbeispiel für eine „self-fulfilling prophecy“: Eine falsche Definition der Situation führt zu einem Handeln, das die zunächst unzutreffende Beschreibung doch Wirklichkeit werden lässt. Das Motiv der selbsterfüllenden Prophezeiung ist auch außerhalb der Soziologie bekannt, vom Ödipus-Mythos bis zu Harry Potter. Merton geht es aber speziell um jene Fälle, in denen die soziale Konstruktion einer Wirklichkeit die dieser Vorstellung entsprechenden Sachverhalte erst hervorbringt. „Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie real in ihren Konsequenzen“, diesen als „Thomas-Theorem“ bekannt gewordenen Satz zitiert Merton, um den Mechanismus der selbsterfüllenden Prophezeiung zusammenzufassen.

          Kommt der Rettungsschirm für Toilettenpapier?

          Wenn also ausreichend viele Leute glauben, dass es morgen kein Bargeld, kein Toilettenpapier oder keine Nudeln mehr geben wird, dann wird genau dies eintreten. Warum aber ereignen sich Finanzierungsprobleme und Versorgungsengpässe eher selten, dann aber meist sehr plötzlich? Um dies zu verstehen, helfen Modelle der mathematischen Spieltheorie. In einem „Spiel“ ist der Nutzen einer Handlung abhängig von den Handlungen der anderen Mitspieler: So lohnt sich zum Beispiel die Bezahlung einer Bestellung im Internet nur, wenn der Verkäufer den Artikel dann auch wirklich zusendet. Die Entscheidung, zu zahlen oder nicht, ist deshalb abhängig von Erwartungen darüber, wie der andere handeln wird.

          Das Problem des „bank run“ kann man als ein sogenanntes Koordinationsspiel beschreiben: Wenn die Teilnehmer koordiniert handeln, also nicht in Panik geraten und ihre Ersparnisse zurückfordern, haben alle etwas davon – nämlich dass sie auf ihr Geld zugreifen können, wenn sie es benötigen. Aus Sicht des Einzelnen hat es Sinn, der Bank zu vertrauen, wenn die anderen es auch tun. Doch sobald ich damit rechnen muss, dass die anderen Kunden ihr Geld abheben werden, ist es rational, ihnen zuvorzukommen.

          Wie man eine solche Dynamik verhindern kann, haben die beiden amerikanischen Ökonomen Douglas Diamond und Philip H. Dybvig beschrieben. Das Grundproblem jeder Bank ist, dass sie relativ langfristige Kredite vergeben möchte, die Sparer ihre Einlagen aber liquide halten möchten, um auch spontanen Bedarf befriedigen zu können. Unter normalen Bedingungen ist der Bargeldbedarf jedoch zufällig verteilt: Es kaufen nicht alle gleichzeitig eine Waschmaschine oder ein Auto, so dass sich Rückforderungen von Einlagen nicht auf einen Zeitpunkt konzentrieren. Sobald die Kunden aber einen plötzlich ansteigenden Bedarf bei allen anderen erwarten, können sie nicht mehr mit dieser Verteilung rechnen und fordern ihr Geld zurück.

          Um sich zu retten, kann die Bank die Auszahlung verweigern oder beschränken. Das vergrößert aber nur die Unsicherheit und bedeutet auch, dass Kunden, die ihr Geld tatsächlich brauchen, keinen Zugriff mehr darauf haben. Im Supermarkt entspricht dem die Rationierung von Toilettenpapier – mit ähnlichen Konsequenzen. Die andere Lösung, deren Brauchbarkeit sich in der letzten Finanzkrise bestätigte, ist die Versicherung: Der Staat oder die Zentralbank garantieren die Guthaben auch für den Fall, dass eine Bank pleitegeht. Das ist natürlich nur dann finanzierbar, wenn die Zusicherung so glaubhaft ist, dass sie letztlich nicht eingelöst werden muss.

          So weit, dass Staaten einen Rettungsschirm für Toilettenpapier spannen müssten, ist es noch nicht gekommen. Aber dass Regierungschefs sich öffentlichkeitswirksam vor Bergen von Hygieneartikeln in den Lagern ablichten lassen, ist immerhin ein Schritt in diese Richtung.

          Diamond, Douglas W.; Dybvig, Philip H. (1983): Bank runs, deposit insurance, and liquidity. In: Journal of Political Economy 91 (3), S. 401–419.

          Merton, Robert K. (1948): The self-fulfilling prophecy. In: The Antioch Review 8 (2), S. 193–210.

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