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Guter Bulle – böser Bulle : Wie ehrlich sollte ein Polizist sein?

  • -Aktualisiert am

Welche Taktik wendet ein Polizist bei der Befragung seines Tatverdächtigen an? Diese Frage müssen sich nicht nur die Tatort-Kommissare Flückiger (links) und Ritschard stellen. Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Wenn Ermittler Tatverdächtige verhören, dürfen sie dabei selbst nicht zu ehrlich sein. Vor allem zu Beginn der Befragung müssen sie mittels Taktieren versuchen, den Verdächtigen zum Reden zu bringen.

          Polizeiliche Verhöre, die nach längerem Hin und Her mit einem Geständnis enden, haben es an sich, dass beide Teilnehmer, der Ermittler und der Verdächtige, im Laufe dieses Gesprächs etwas tun müssen, was niemandem leichtfällt: Sie müssen sich selbst widersprechen.

          Für denjenigen, der die eigene Schuld erst nach längerem Ableugnen bekennt, ist das natürlich leicht zu erkennen. Aber auch das Geständnis des Unschuldigen widerspricht allem, was er vorher zu sein beansprucht hatte. In beiden Fällen wird die bisherige Darstellungsgeschichte als absichtsvoll unternommener Täuschungsversuch erscheinen. Unter normalen Umständen würde dies die Fortsetzung der sozialen Beziehung erheblich erschweren. Man denke hier zum Vergleich nur an all die Schwierigkeiten, die im ehelichen Verhör auftreten, wenn es zum Eingeständnis einer zunächst bestrittenen Missetat kommt und wenn dann etwa zusätzlich zum Seitensprung, und zusätzlich zu seiner Verheimlichung auch noch die offene Lüge über den Seitensprung zu verkraften ist. Für die Polizei liegt hier indes kein Problem, denn ist der Vernommene einmal am Ende, ist es auch die Vernehmung, und der Fall kann in andere Hände übergehen.

          Viele Verdächtige lassen sich auf Verhör ein

          Wie eine unlängst publizierte Untersuchung zur Verhörtaktik amerikanischer Polizisten zeigt, der eine Auswertung von Verhörprotokollen aus verschiedenen Bundesstaaten zugrunde liegt, muss aber auch der Ermittler seinen Auftritt mit einer Darstellung beginnen, die er nicht durchhalten kann, und anders als sein Gegenüber muss er sich von ihr zu einem Zeitpunkt lösen, an dem er das Gespräch durchaus fortzusetzen gedenkt: Ehe er nämlich als „böser Bulle“ auftreten und offenes Misstrauen zeigen kann, muss er sich zunächst einmal als „guter Bulle“ eingeführt haben.

          Das liegt daran, dass der Erfolg des Ermittlers nicht nur von seinen Kollegen und Vorgesetzten abhängt, also nicht allein durch seine Organisation garantiert werden kann. Die Vernehmung kann vielmehr nur stattfinden, wenn auch der Tatverdächtige kooperiert. Der wiederum ist durchaus nicht verpflichtet, sich selbst zu belasten. Die Verfassung schützt ihn vielmehr, wenn er es vorzieht, die Aussage zu verweigern oder einen Anwalt hinzuziehen. Die meisten Leute, die als Verdächtige vernommen werden, lassen sich gleichwohl auf die Befragung ein, viele davon, ohne juristischen Beistand zu suchen, und nicht wenige Befragungen enden mit einem Schuldeingeständnis. Die Tatverdächtigen arbeiten also mit der Polizei zusammen, und zwar oft gegen stärkste Eigeninteressen. Wie ist das möglich?

          1. Schritt: Vertrauen aufbauen

          Nach der in Amerika gebräuchlichsten Verhörtaktik, die nach einem Polizisten namens John Reid benannt wurde, der sie erfunden hat, müssen die Ermittler zunächst einmal versuchen, das Vertrauen ihrer Klienten durch taktvolles Eingehen auf deren Selbstdarstellung zu gewinnen. Noch den mutmaßlichen Mörder, den sie wenig später als einen solchen zu behandeln gedenken, heißen sie daher wie einen rechtstreuen Mitbürger willkommen, der sich dankenswerterweise an der Aufklärung einer Straftat beteiligen möchte. Informationen über seine Person und über sein Befinden werden erfragt und vertrauensvoll zur Kenntnis genommen. Das erinnert immer noch, auch wenn schon hier keine Gegenfragen erlaubt sind, an zwangloses Verhalten aus geselligem Anlass.

          Auch die obligatorische Belehrung des Befragten über seine verfassungsmäßigen Rechte findet innerhalb dieses geselligen Vorspiels zur eigentlichen Vernehmung statt. Dort kann sie umso leichter als eine lästige bürokratische Pflicht dargestellt werden, der man aus völlig situationsfremden Gründen zu genügen habe, und nicht wenige Befragte lassen sich auf diese Situationsdefinition ein. Statt also ernsthaft zu überlegen, ob sie die Aussage verweigern oder einen Anwalt hinzuziehen sollen, was angesichts der Harmlosigkeit der bisherigen Fragen dann freilich gleichfalls situationsfremd wirken würde, zeigen sie einfach Neugier auf den Fortgang des Gesprächs. Das Kalkül des Unschuldigen dabei lautet, dass seine Kooperationsverweigerung nur den Eindruck erwecken würde, etwas verbergen zu wollen. Aber auch Schuldige können disponiert sein, sich offen und kooperativ zu geben, nämlich um unschuldig zu wirken – und zwar vor allem dann, wenn sie über keinerlei Vorerfahrung mit ähnlichen Situationen verfügen.

          Den amerikanischen Ermittlern ist es ausdrücklich gestattet, schon vorliegende Beweise zu fingieren, also etwa dem mutmaßlich Schuldigen an einem Eigentumsdelikt mitzuteilen, Fingerabdrücke am Tatort hätten ihn längst überführt, auch wenn das durchaus nicht der Fall ist. Das wiederum gestattet es ihnen, das eigene Interesse am Geständnis herunterzuspielen und so zu tun, als würden sie es dem Befragten vor allem in seinem eigenen Interesse nahelegen. So kann der Wandel des Good Cop zum Bad Cop zunächst weniger scharf ausfallen, als es etwa in der Bundesrepublik der Fall wäre.

          Gary C. David, Anne Warfield Rawls, James Trainum: Playing the Interrogation Game, in: Symbolic Interaction 41(2017), S.3-24.

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