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Soziale Systeme : Gute Unterhaltung

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Zwanghafte Unterhaltung in der Mittagspause oder echtes Vergnügen? Bild: Picture-Alliance

In größerer Runde sind Gespräche entweder angenehm oder ehrlich. Hierarchiefrei sind sie in keinem Fall. Damit hat sich schon vor hundert Jahren ein Soziologe befasst.

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          Das deutsche Wort Unterhaltung hat einen bemerkenswerten Doppelsinn: Gespräch und Vergnügen. Das könnte man für Zufall halten, denn viele Gespräche sind ja, und zwar gerade in der modernen Gesellschaft, für die Anwesenden eine ungenießbare Zumutung: In Organisationen haben sie künstlich geschaffene Rangdifferenzen zu akzeptieren und in polizeilichen oder ehelichen Verhören misstrauische Fragen. Prüfungssituationen in Schulen und Hochschulen belasten den Prüfling, weil sie ihre Themen nicht taktvoll an seine Darstellungsbedürfnisse anpassen können. In manchen Situationen wird man als Person gar nicht sichtbar, in anderen sind es gerade die persönlich zugerechneten Stellungnahmen, die zum Gegenstand offener Kritik werden - so etwa in Parlamenten, vor Gericht oder nach dem wissenschaftlichen Vortrag. Und natürlich muss man seine Geduld immer wieder an Gesprächspartner wenden, die man niemals zum Tee einladen würde.

          An solchen Situationen nimmt wohl niemand um ihrer selbst willen teil. Entweder geht man hin, weil das zur Berufsrolle gehört, oder man sucht Vorteile in situationsfernen Interessengebieten. Unter dieser Umwegmotivation leidet auch das Gespräch selbst. In großen Zusammenkünften wird oft schon die aktive Teilnahme der Anwesenden zurückgehalten - und damit auch ihre Selbstverpflichtung zur sozialen Begegnung. Die Situation findet dann keinen Verteidiger, der ihr zur Hilfe eilt, wenn sie angegriffen wird oder auf andere Weise zu misslingen droht. Folglich braucht man Leitungsrollen, die das System entstören: Ohne die Intervention des resignierten Dozenten, der sich die eigene Frage am Ende selbst beantwortet, würde das Schweigen seiner Studenten wohl endlos dauern.

          Die Vorzüge der zweckfreien Unterhaltung

          Als große Alternative zu diesen mehr oder minder entfremdenden Situationen gilt seit dem Beginn der modernen Gesellschaft die Geselligkeit: In diesen ebenso zwanglosen wie zweckfreien Unterhaltungen seien Individuum und Gesellschaft einmal nicht entzweit, sondern versöhnt, denn Gespräch und Vergnügen fielen hier ja zusammen.

          Diese Beschreibung hat vieles für sich. Zum einen wird die Forderung taktvollen Betragens hier großgeschrieben. Man soll also die Selbstdarstellung des anderen unterstützen und ihn so nehmen, wie er gesehen werden will. Erzählungen, in denen der Erzähler selbst den Helden gibt, verdienen Beifall und Respekt, auch wenn man weiß oder ahnt, dass sie stark übertrieben sind; oder man wählt das Necken als Spielform der Kritik, von der jeder weiß, dass sie nicht ernst gemeint ist und daher auch nicht abgewehrt werden muss. Aus demselben Grund muss niemand, der eine gewagte Meinung vertritt, mit offener Ablehnung rechnen. Ohnehin geht es ja nicht um die Sachbindung der behandelten Themen, sondern nur um ihren sozialen Anregungswert.

          Der erste soziologische Beitrag zu diesem Thema stammt von Georg Simmel und wurde vor einhundert Jahren geschrieben. An der idealisierten Beschreibung der Geselligkeit nimmt er bereits einige Korrekturen vor, und auch die neuere wissenschaftliche Literatur ist ihm auf diesem Wege gefolgt.

          Taktvoll oder ehrliche Zustimmung?

          Das gilt zum einen für Takt: Weit entfernt davon, die Beteiligten mit persönlicher Achtung zu beglücken, dient er zunächst einmal nur dazu, offene Konflikte oder andere Gesprächskrisen zu verhindern, und wer die taktvolle Zustimmung zu eigenen Thesen für ernsthafte Zustimmung halten würde, der würde sich schon wenig später enttäuscht sehen. Was aus Takt oder Höflichkeit gesagt wird, das ist unverbindlich gesagt und kann daher in anderen Situationen getrost ignoriert werden.

          Eine zweite Korrektur betrifft die Prämisse der Gleichheit. Simmel zufolge funktioniert sie nur zwischen Personen in gesellschaftlich benachbarter Lage. Das erklärt nicht nur, warum kleinere Betriebsfeste immer erst in Schwung kommen, nachdem der Vorgesetzte sie verlassen hat. Es zeigt auch, dass man aus der Grenze zwischen möglichen und unmöglichen Gästen etwas über die Schichtungsstruktur der Gesellschaft lernen kann.

          Die neuere Forschung hat sich auf die Rolle des Gastgebers konzentriert, die bei Simmel nicht vorkommt. Dabei handelt es sich um eine Führungsrolle, die nur bei großer Diskretion überzeugt, da alles andere der Gleichheitsregel widersprechen würde. Aber allein schon, dass man sie braucht, zeigt, dass Wohlerzogenheit und Taktgefühl oftmals nicht ausreichen, um Gesprächskrisen zu verhindern. Diesen Nachweis wiederum hat David Riesman an Festen geführt, in denen der Gastgeber sich völlig zurückhielt und nur seine Räume zur Verfügung stellte. Anders als erhofft, führte das nämlich nicht etwa zu mehr sozialer Gleichheit, sondern nur zu mehr funktionsloser Dominanz: Ungehindert durch den Gastgeber pflegten die jeweils Rücksichtslosesten allen anderen endlose Monologe zu halten. Man sieht daran, dass die ungleiche Verteilung der Redechancen Produkt einer quasinatürlichen Entwicklung ist und dass man Führung braucht, also eine andere Ungleichheit, um genau das zu verhindern.

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