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Soziale Systeme : Gut sortierte Gegnerschaft

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Blasenkollision Bild: iStock

Anders als das Bild von der „Echokammer“ behauptet, spalten soziale Medien die Gesellschaft nicht deswegen, weil sie gegensätzliche Ansichten voneinander trennen würden. Im Gegenteil.

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          Die digitale Kommunikation und insbesondere die „sozialen Medien“ weckten anfangs die Hoffnung, sie könnten zu mehr und vielleicht auch besserer politischer Auseinandersetzung beitragen. Mittlerweile haben sich die sozialen Medien von Hoffnungsträgern einer Demokratisierung der Öffentlichkeit zu den Prügelknaben der Medienkritik entwickelt. Ihnen wird nicht nur vorgeworfen, abseitigen und verletzenden Meinungsäußerungen ein großes Forum zu bieten, sondern auch, an einer politischen Polarisierung der Bevölkerung mitzuwirken: Wer keine redaktionell sortierten Nachrichten liest, sondern die Posts selbst gewählter Kontakte, wird vor allem auf Inhalte treffen, die bereits vorhandene Einstellungen unterstützen. Algorithmen können diese Selbstselektion noch verstärken, sodass am Ende praktisch nur noch Gleichgesinnte miteinander diskutieren. In seiner Wortmeldung zum „neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ konstatierte Jürgen Habermas deshalb, das „emanzipatorische“ Versprechen der sozialen Medien werde längst übertönt „von den wüsten Geräuschen in fragmentierten, in sich selbst kreisenden Echoräumen“.

          Kommunikation fördert eben oft gerade nicht das gegenseitige Verständnis

          Gegen diese mittlerweile sehr geläufige Diagnose hat nun der Soziologe Petter Törnberg zwei wichtige Einwände vorgebracht: Zunächst sei überhaupt nicht klar, ob es Echokammern überhaupt gebe. Gegenüber einem persönlichen Umfeld, das in der Regel eher homogene Einstellungen versammelt, bietet das Internet deutlich mehr Gelegenheit, mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden. Die Forschung zu dieser Frage kommt zu dem Ergebnis, dass die selektive Exposition in den sozialen Medien keineswegs ausgeprägter ist als bei klassischen Nachrichtenformaten. Darüber hinaus halte die Annahme, der fehlende Kontakt zwischen Gruppen sei problematisch, während Kommunikation zu mehr gegenseitigem Verständnis führe, näherer Überprüfung ohnehin nicht stand. Online wie offline kann gerade die Begegnung zwischen unterschiedlichen Positionen zur Verhärtung von Grenzen führen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sie als eine Situation erlebt wird, in der man eine soziale Identität, auf die man sich festgelegt hat, verteidigen muss. Wenn das Urteil über die andere Seite bereits feststeht, können Argumente nicht mehr durchdringen. Das gilt erst recht für Medienoutlets, die man als parteiisch wahrnimmt und denen man deshalb misstraut.

          Während die Echokammer-Hypothese Polarisierung als Folge voneinander abgeschotteter Teilöffentlichkeiten beschreibt und mehr Dialog empfiehlt, führt nach Törnberg nicht fehlende, sondern zunehmende Verknüpfung zu Polarisierung. Darunter ist nicht zu verstehen, dass sich zu einzelnen Fragen gegensätzliche Einstellungen finden, sondern dass sich die Population anhand einer Leitdifferenz in Gruppen sortiert, die intern in zahlreichen Einstellungen konvergieren, untereinander aber kaum noch Überschneidungen haben. Eine solche Sortierung beschränkt sich nicht auf Meinungsverschiedenheiten zu einzelnen politischen Fragen, sondern umfasst auch nichtpolitische Präferenzen und Lebensstile, die sich entlang der politischen Loyalitäten sortieren. In den USA zum Beispiel zerfällt die Wählerschaft in zwei zunehmend homogene Parteien, und zahlreiche soziokulturelle, wirtschaftliche, geographische und ideologische Konfliktlinien kollabieren in der Frage, welcher man zuneigt. Im Ergebnis sind die Parteien weniger politische Mitgliedschaftsverbände als „Megaparteien“, die nicht nur politische Positionen repräsentieren, sondern ein Konglomerat von Präferenzen und Identitäten bündeln.

          Soziale Medien tragen zu einer solchen Sortierung bei, indem sie die moderierenden Kräfte, die das politische Parteigängertum in lokalen sozialen Zusammenhängen einhegen, teilweise aushebeln: Je weniger die Kontakte auf eine „local bubble“ beschränkt sind, desto weniger werden ideologische Differenzen durch andere soziale Beziehungen in Schach gehalten. Wenn Republikaner in Mississippi zuvor ihren demokratischen Nachbarn in vielem näherstanden als Republikanern in New York, lockern die sozialen Medien solche lokalen Verflechtungen und erleichtern so die Zuspitzung und Polarisierung von Konfliktlinien. Törnberg erwähnt lediglich nebenbei, dass dies bereits für die klassischen Massenmedien gilt. Es ist kein Zufall, dass die Unterschiede zwischen den politischen Lagern auf nationaler Ebene meist deutlicher hervortreten als im lokalen Kontext. Der Beitrag, den Medien zur Polarisierung leisten, liegt folglich nicht darin, Gruppen in Echokammern zu isolieren, sondern darin, eine Sortierung von Einstellungen in großem Maßstab erst zu ermöglichen.

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