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Die Grünen und die Forschung : Wie haltet ihr es mit Wissenschaft?

Gentechnik, Kernforschung und Medizin - für die Grünen sind das klassische Reizthemen. Aber auch in anderen Themenfeldern entspricht ihre Position nicht immer dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Bild: Vecteezy

Beim Naturschutz und in der Umweltpolitik sind die Grünen ganz vorne – und bei den Wählern groß in Mode. Aber mit manchen Themen tut sich die Partei schwer.

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          Es ist in manchen Kreisen üblich geworden, die Grünen mit der AfD zu vergleichen. Nicht um die Unterschiede zu betonen, sondern die Gemeinsamkeiten. Beide seien freiheitsfeindliche Parteien, heißt es, beide setzten auf Gefühle statt auf Fakten, beide warnten zu gerne vor dem Untergang, nur um die Welt davor zu retten. Und beide Parteien würden am Ende geradewegs in die Diktatur führen.

          Letzteres ist, bezogen auf die Grünen, Quatsch. Die Partei verfolgt eindeutig demokratische Absichten, bei der AfD kann man berechtigte Zweifel hegen. Dennoch lässt sich bei den Grünen eine Eigenart feststellen, die überhaupt nicht zu ihrem zukunftszugewandten und vernunftbegabten Selbstbild passt, mit dem sie bei Marches for Science und Fridays for Future mitlaufen oder sich aktuell beim Klimagipfel zeigen. Es ist ein Phänomen, das der Erzählung über die Grünen als die letzte Bastion der Vernunft diametral widerspricht. Dabei sind sie in mehr als der Hälfte der Bundesländer derzeit an der Regierung beteiligt, stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten. Wenn es um wissenschaftliche Fakten geht, erinnern aber manche der Grünen stark an Donald Trump, und das nicht nur in ihren Tweets. Etliche Parteianhänger leugnen Evidenzen und vermuten hinter unliebsamen Erkenntnissen mächtige Lobbyisten, die der Allgemeinheit schaden wollen, selbst vor Verschwörungstheorien machen sie nicht halt. Und das Verhältnis zur Wissenschaft ist wechselhaft, lässt eher taktische Züge erkennen: Akzeptiert werden oft nur jene Resultate, die zum eigenen Weltbild passen, was von einigen der Grünen so weit übertrieben wird, dass die Kritik aus den eigenen Reihen jetzt lauter wird. Die Grüne Jugend versteht sich gar als rationaler Gegenpol und bezieht Stellung gegen solche „gefährlichen Positionen für die Partei“. Denn bei klassischen Reizthemen wie Kernforschung, Medizin, Gentechnik und Handystrahlung vertreten Parteimitglieder verlässlich jene Haltung, die nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht.

          Die alten Reflexe der Protestpartei

          Ein Beispiel aus diesem Frühling veranschaulicht, wie die alten Reflexe der Protestpartei dabei funktionieren. Als in der taz ein kritischer Artikel zur Homöopathie erschien, schoss die Bundestagsabgeordnete Ulle Schauws scharf gegen das Blatt. Sie warf der Zeitung vor, sich in eine Kampagne einzureihen, die – Achtung, Verschwörung! – nur der Pharmaindustrie nutzen könnte. Und während die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen, Katharina Schulze, den Beitrag via Twitter lobte und sich gegenüber der taz als Fan der Faktenlage bezeichnete, pflichtete die Parteikollegin Birgit Raab wiederum Schauws bei und bleibt dem Thema twitternd treu. Sie habe eine Homöopathie-Ausbildung, kenne sich aus. Dem Impfen steht Raab kritisch gegenüber, lehnt wie viele grüne Politiker eine Masernimpfpflicht ab, „chemisch-synthetische Medikamente“ brauche sie keine.

          Ähnlich des Teufels ist die Gentechnik, vor allem in der Landwirtschaft. Zu ihren eifrigsten Kritikern zählt Harald Ebner, grüner Bundestagsabgeordneter aus Schwäbisch Hall: Er lehnt Agro-Gentechnik ab und fordert eine strenge Regulierung der Pflanzenzucht. Auf seiner Website behauptet Ebner, Gentechnik-Pflanzen seien nicht nur auf deutschen Äckern gescheitert, und wenn andere das Verfahren Crispr/Cas als präzise Genschere beschreiben, spricht er von einer groben Heckenschere. Das Argument, Eingriffe mittels dieser neuen Gentechnik seien nicht immer von natürlichen Veränderungen der Pflanzen zu unterscheiden, lässt er nicht gelten. Man fragt sich: Wie will er minimalen Punktmutationen ansehen, wie sie entstanden sind? Im Bundestag ging Ebner einmal so weit, die Biologin Emmanuelle Charpentier für sich einzuspannen. Sie, die das Verfahren zusammen mit einer Kollegin entwickelt hat, spreche heute von „einem mächtigen Werkzeug, von dem die Politik sehr gut überlegen müsse, wie sie die neuen Techniken zur Genomveränderung regulieren würde“, zitierte er und verschwieg: Ihre Äußerung bezog sich auf die Anwendung beim Menschen.

          Jede Wetterschwankung ist gleich Beleg für die Klimakrise

          Man sollte aber nicht nur vorsichtig sein, wenn die Grünen ihrer Natur entsprechend allergisch auf bestimmte Reize reagieren, sondern auch dann, wenn es um Themen geht, in denen ihnen Wähler in Umfragen die höchste Kompetenz zutrauen. Die Rede ist vom Klimawandel. Im Januar blamierte sich beispielsweise die Umweltpolitikerin Bärbel Höhn. Als sich ein kalter Winter ankündigte, sah sie darin ein Zeichen, dass die Klimakrise bereits Wirkung zeige, da der Golfstrom nicht mehr richtig funktioniere. Doch der kalte Winter kam nicht. Höhn hatte ein Wetterphänomen, das es gar nicht gab, dem Klimawandel zugeordnet.

          Sie ist damit nicht allein, diese Strategie hat Methode bei den Grünen: Jede Wetterschwankung wird gleich als Beleg für die Klimakrise umgedeutet. Dauert eine Wetterphase einmal länger, wird das als Zeichen einer gestörten Höhenströmung interpretiert, wonach der Jetstream sich häufiger verhakt und nicht von der Stelle kommt. Doch was da als ein Faktum behandelt wird, ist lediglich Hypothese. Dass sich der Jetstream infolge des Klimawandels verändert, ist nur in Klimamodellen simuliert worden – im realen Wetter ist ein gestörter Jetstream bislang nicht belegt. Die Grünen geben sich mit gesicherten Erkenntnissen der Klimaforschung nicht zufrieden, statt die klaren Botschaften zu transportieren, berufen sich auf umstrittene Theorien und mitunter groteske Zusammenhänge.

          Das Fremdeln der Grünen mit der Wissenschaft gehört zu ihrer Geschichte. Gegründet als Protestpartei, ist das eine Zutat ihrer Ursuppe. Das Misstrauen gegenüber Institutionen erwuchs in jenem anthroposophischen Milieu, das bis heute das Strickpulliklischee begründet und aus dem die Stammwählerschaft stammt. In diesem Umfeld lässt sich unwidersprochen behaupten, dass zuckrige Globuli wirken, Impfungen Privatsache sind und Mondphasen den Härtegrad des Holzes bestimmen. Wenn manche Menschen ihr Leben nach dem Mondkalender ausrichten, ist das nicht schlimm, sondern tatsächlich Privatsache. Schlimm ist jedoch das Verständnis von Wissenschaft, das hinter solch einem okkultisch-esoterischen Hokuspokus steckt. Eines, das naive Gemüter hinters Licht führt und Betrüger belohnt, weil es sich einer Logik bedient, durch die sich am Ende selbst die Existenz von Kobolden als wissenschaftliche Tatsache verkaufen lässt.

          Die Grüne Jugend rebelliert offen gegen den esoterischen Flügel

          Zur Ehrenrettung der Ökopartei lässt sich anführen, dass es zahlreiche Mitglieder gibt, die weder vom alten Zerrbild der Technikfeindlichkeit noch von Hokuspokus etwas halten; die Grüne Jugend rebelliert offen gegen den esoterischen Flügel. Vor einem Jahr erschien außerdem ein selbstkritischer Beitrag auf der offiziellen Internetseite der Partei, verfasst von Paula Piechotta und Till Westermayer: einer Ärztin und einem Soziologen, zugleich ist sie Basismitglied, er Berater der Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg. „Vom schwierigen Verhältnis zwischen Grün und Wissenschaft“ lautet der Titel. Es ist ein mutiger Beitrag.

          Nicht nur das „manchmal dissonante Verhältnis zur Wissenschaft“ wird darin schonungslos aufbereitet. Der Beitrag liest sich auch wie ein Appell, „eine konsistente Orientierung am wissenschaftlichen Stand des Wissens“ endlich ins grüne Grundsatzprogramm aufzunehmen. „Wir neigen zur Rosinenpickerei“, schreiben Piechotta und Westermayer, „wir fordern als Grüne Wissenschaftlichkeit gerne in den Themenfeldern ein, in denen sie uns selbst zupass kommt – und in anderen nicht.“ Außerdem würden bestimmte Themenbereiche regelrecht tabuisiert: „Etwas spöttisch zugespitzt: alles mit Atomen und Genen ist uns nicht ganz geheuer. Da endet das Plädoyer für Forschungsfreiheit ganz schnell.“

          Piechotta arbeitet an der Universitätsklinik in Leipzig, Westermayer berät die Grünen in Stuttgart und war viele Jahre Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaft, Hochschule und Technologie. Er wohnt in Freiburg, kennt das Milieu der Stammwähler also aus nächster Nähe. Bei einem Treffen erzählt er, der Beitrag habe großen Wirbel ausgelöst, ermutigt dazu hätte ihn die Neuausrichtung der Partei. Seit die Bundesvorsitzenden Habeck und Baerbock an der Spitze sind, gebe es keine Tabus mehr, sagt er. Stattdessen neue Fragen und neue Antworten, zusammengefasst in einem neuen Grundsatzprogramm, das im Herbst 2020 vorgestellt werden soll. Ein Generationenwechsel findet statt, trotzdem sind die alten Positionen noch präsent, besonders in Baden-Württemberg. Dort sind die Grünen seit 2011 an der Macht, dort kann Westermayer direkt beobachten, wie sich die Regierungspartei zur Wissenschaft verhält. Und wie sie beim Klimaschutz ähnlich versagt wie die Bundesregierung in Berlin.

          Die Debatte ist tot, bevor sie beginnt

          Kürzlich hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann mehr Faktentreue, weniger Fake News gefordert. Am besten fängt er in seinem Kabinett damit an: Im Sommer setzte sich Gesundheitsminister Manfred Lucha vehement für Homöopathie und andere alternative Arzneimittel ein, obwohl kein Wirknachweis existiert, der über einen Placeboeffekt hinausgeht. Im vergangenen Jahr machte Lucha sich sogar für eine Ausweitung der Erstattungsregeln stark. Till Westermayer würde sich „schon freuen, wenn es als Gesundheitsminister nicht so selbstverständlich wäre, Betriebe zu besuchen, die Homöopathie herstellen“. Es existiere in seiner Partei eben immer noch jenes „Distanzierungsbestreben“, das die Grünen seit ihrer Gründung begleitet. Eines, bei dem man komisch angeschaut werde, wenn man etwa die ablehnende Haltung zur Gentechnik hinterfrage. „Was sind wir für eine Partei, wenn wir selbst die Debatte zu neuen gesellschaftlichen Entwicklungen schon nicht zulassen?“, fragt Westermayer. Am aktuellen Thema 5G, dem schnellen Handynetz, kann er beschreiben, wie die Positionsfindung bei den Grünen vonstattengeht: „Viele machen dagegen mobil“, unliebsame Studien würden in Frage gestellt. Die Debatte ist tot, bevor sie beginnt.

          Woran das liegt? „Es fehlt auch die Kompetenz“, meint Westermayer. Das Wissen darüber, was Wissen ist und wann man es Wissen nennen darf. Um das zu verstehen, muss man nicht den Philosophen Karl Popper verstanden haben, Allgemeinbildung genügt. Doch es tut sich was in der Partei, so Westermayer. Diejenigen, die von „alternativer Wissenschaft“ überzeugt sind, würden weniger, ihre Stimme ist nicht mehr die dominante. Fest macht er das an Anträgen, wie den zur „Gesundheit statt Globuli“ von der Grünen Jugend im April. Der richtet sich vehement gegen Homöopathie – und hat die meisten Unterstützer in der gesamten Parteigeschichte.

          „Das ist ganz erstaunlich“, sagt Westermayer, den natürlich auch die Frage umtreibt, wie viel Wissenschaft die Politik benötigt. Oder besser: verträgt. Nicht alle Probleme der modernen Welt lassen sich durch Fakten klären, zumal es zwischen den Disziplinen zahlreiche Interessenskonflikte gibt und reine Wissenschaftsgläubigkeit geradewegs in die Technokratie führen könnte. Die ist laut George Orwell eine Vorstufe des Faschismus, und dorthin kann niemand wollen. Trotzdem wäre viel gewonnen, wenn sich die Grünen der Forderung von Greta Thunberg „unite behind the science“ konsequent anschließen würden.

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