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Kartographie : Die ganze Welt in Menschenhand

Als ein solches eignet sich aber auch ein klassischer Erdglobus, insbesondere dann, wenn man da nicht nur eine Kinderzimmer-Version aus tiefgezogenem Plastik drehen lassen kann. Spezialfirmen liefern heute wieder handkaschierte High-End-Globen, die zugleich Repräsentationsbedürfnisse und moderne kartographische Ansprüche befriedigen. Wobei sich offenbar auch Retro- oder Antikversionen zu verkaufen scheinen und solche mit seltsam eingefärbten Ozeanen – für den Fall, dass die Einrichtung am Einsatzort des Globus kein Blau duldet. Bei Columbus, dem heute in vierter Generation geführten Familienunternehmen, das einst auch die Neue Reichskanzlei belieferte, gibt es sogar 77-Zentimeter-Globen aus mundgeblasenem Glas – vor der Erfindung transparenter Kunststoffe waren Glasgloben die Einzigen, die sich von innen beleuchten ließen. Und es sind Globen erhältlich, die mit einem Kaliber von einem Meter dem „Großglobus für Staats- und Wirtschaftsführer“ optisch recht nahekommen.

Da mag man sich fragen, ob solch ein Möbelstück nach Charlie Chaplin denn noch statthaft sein kann. Doch man sollte nicht vergessen, was mit dem Spielball des großen Diktators am Ende der Szene passiert: er platzt. Tatsächlich verweist die Weltkugel als Chiffre des Globalen, Universalen auf etwas anderes als nur auf blanke menschliche Macht über den Erdenball. Es schwingt ein Moment der Weisheit mit, die sich aus der Betrachtung der Erde in ihrer Gesamtheit ziehen lässt. Und ein Stückchen Melancholie. Sylvia Sumira erwähnt, dass die Alten Meister Globen schließlich nicht nur auf Porträts von Mächtigen, Reichen oder Gelehrten abbildeten, sondern auch auf Stillleben, die über die Vanitas, die Eitelkeit und Endlichkeit des Irdischen, reflektierten. Konkret verweist sie auf ein Gemälde Pieter Boels von 1658. Damals füllten sich die Globen von Auflage zu Auflage mit immer neuen Küstenlinien, während ihre Kugelflächen doch endlich groß blieben. Dem aufmerksamen Betrachter konnte also ein Globus da bereits eine ferne Ahnung davon geben, was mehr als drei Jahrhunderte später das Bild „Blue Marble“, das die Astronauten von Apollo 17 von der vollständig beleuchteten Erde aufnahmen, für jedermann offensichtlich machen sollte.

Literatur:

Sylvia Sumira, „Der Globus. 400 Jahre Geschichte, Macht, Entdeckungen“. Philipp von Zabern/Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016.

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