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Kartographie : Die ganze Welt in Menschenhand

Lehrmittel und öffentliche Form

Unterdessen hatte sich auch die traditionelle Paarung von Himmels- und Erdgloben erledigt. Was die immer leistungsfähigeren Teleskope am Himmel fanden, ließ sich bald nicht mehr sinnvoll in einen Himmelsglobus stechen. Sternatlanten waren dazu besser geeignet. Die Fortschritte der Uhrmacher hatten die Bedeutung der Sterne für die Seefahrt schwinden lassen. Die Zeit der Globen als Instrument war vorbei, doch ihre Zeit als Lehrmittel für immer breitere Schichten hatte begonnen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten Farblithographien die handkolorierten Kupferstiche auch auf den Globen abgelöst. Die Erdmodelle wurden zum Massenartikel, obwohl die Karten bis mindestens 1955 auf gipsüberzogene Pappkugeln aufgezogen wurden. Eine weitgehend automatisierte Produktion von Billiggloben wurde erst nach Anbruch des Plastikzeitalters möglich.

Doch auch heute, da in jedem Kinderzimmer ein Globus steht, haben die Miniaturerden nichts von ihrer Faszination verloren. Dabei sind die Grenzen zwischen Kartographie, Kunsthandwerk und PR-Gag manchmal fließend. So ist die 37 Meter messende „Unisphere“ in New York eher eine Skulptur als ein Globus. Im Grunde stellt sich die Frage auch bei dem derzeit größten drehbaren Abbild der Erde. Es hat einen Durchmesser von 12,52 Metern und rotiert seit 1998 im Gebäude des Kartenverlags DeLorme im amerikanischen Bundesstaat Maine. Der gegenwärtig kleinste Globus dagegen ist 60 Mikrometer groß und wurde für einen japanischen Mobilfunkanbieter angefertigt. Die per Elektronenstrahl eingravierte Nano-Karte hat angeblich eine Auflösung, die noch Geländestrukturen erfassen könnte, für die man auf einer mit bloßem Auge erfassbaren Skala einen mehr als drei Meter dicken Globus brauchte.

Von Monden und Planeten

Zugleich geht es längst nicht mehr allein um die Erde. Mondgloben gab es schon, bevor Raumsonden die erdabgewandte Seiten unseres Trabanten ablichteten, und im Zuge der Erforschung des Sonnensystems gibt es immer mehr Himmelskörper als 3D-Modell. Im Fall des Mars ist das auch wissenschaftlich sinnvoll, denn der Rote Planet wurde in den neunziger Jahren mittels eines Lasers so penibel kartographiert, dass sein Relief heute genauer bekannt ist als das manches Unterseegebiets der Erde. Auch die Venus ist per Radar gut vermessen, ein entsprechender Globus für hundert Dollar zu haben. Der Hersteller Mova, dessen Globen dank Solarzellen in beständiger Drehung bleiben, hat allerdings auch den nur annähernd runden Asteroiden Vesta, den Saturnmond Titan und sogar den Jupiter im Angebot. Dabei wird die Oberfläche des Titans nach Abschluss der Radarmessungen durch die Sonde Cassini im kommenden Monat erst zur Hälfte in globustauglicher Genauigkeit bekannt sein. Ähnlich gute Daten über die verbleibende Hälfte wird es dann mangels einer neuen Saturnmission auf Jahrzehnte hinaus nicht geben. Was man indes mit einem Globus des Jupiters anfangen soll, bleibt rätselhaft, schließlich hat der Gasplanet keine feste Oberfläche, sondern nur sich langsam ändernde Wolkenmuster. Ein kartographisches Interesse kann hier nicht vorliegen, aber vielleicht das an einem Objekt zur Meditation über kosmische Sachverhalte.

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