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Kartographie : Die ganze Welt in Menschenhand

Die ältesten erhaltenen Globusstreifen druckte der Kartograph Martin Waldseemüller im Jahr 1507 noch im Holzschnitt-Verfahren. Ein damit beklebter Globus ist nicht erhalten.
Die ältesten erhaltenen Globusstreifen druckte der Kartograph Martin Waldseemüller im Jahr 1507 noch im Holzschnitt-Verfahren. Ein damit beklebter Globus ist nicht erhalten. : Bild: University of Minnesota/ Sylvia Sumira

Dafür war die Weiterentwicklung der Drucktechnik hilfreich. War Behaims „Erdapfel“ noch ein komplettes Unikat, bei dem die Karte auf eine mit Holz verstärkte Kugel aus Schichten von Leinen und Pergament gemalt worden war, wurden die Karten bereits im frühen 16. Jahrhundert gedruckt. Wie bei Platons Lederball waren es zwölf Segmente aus zwickelförmigen Streifen (siehe Bild), die am Äquator zusammenhingen. Die gedruckten Streifen wurden ausgeschnitten und einzeln auf eine Kugel geklebt oder „kaschiert“, wie die Globenbauer sagen. Diese Kugel wiederum bestand spätesten seit den 1530er Jahren aus zusammengeleimten Papierbögen. Sylvia Sumira fand im Inneren der von ihr untersuchten Globen nicht selten frühneuzeitliches Altpapier aus noch lesbaren Buchseiten. Die Papierbälle wurden mit einer Gipsschicht überzogen, welche sich in hinreichend perfekte Kugelform bringen ließ, indem man die feuchte Gipssphäre in einer kreisförmigen Schablone rotieren ließ. Dass die Erde in Wahrheit etwas abgeplattet ist, spielt für Globen bis heute keine Rolle. Die Differenz von polarem und äquatorialem Durchmesser der Erde beträgt etwa 42 Kilometer, was auf einem 30 Zentimeter messenden Tischglobus gerade mal einem Millimeter entspricht und auch für hochwertige Globen noch im Bereich der Fertigungstoleranz liegt.

Für den Kartendruck wurde anfangs Holzschnitt verwendet, ab den 1530er Jahren aber Kupferstich, was nicht nur erlaubte, filigranere Strukturen abzubilden, sondern auch, die Druckplatten für eine verbesserte Auflage zu ändern, anstatt völlig neue anfertigen zu müssen. „Sehr selten habe ich allerdings Globen gesehen, bei denen neue Zwickel über alte geklebt waren“, erzählt Sylvia Sumira. „Es ist möglich, dass Globen so gegen Gebühr auf den neuesten Stand gebracht wurden, allerdings habe ich darauf keine direkten Hinweise.“

Nautisches Instrument und Prestigeobjekt

Die Produktionszahlen stiegen indes nicht nur aufgrund der Nachfrage des wissenschaftlichen oder nautischen Fachpublikums nach aktuellen Globen. Bereits im 16. Jahrhundert waren Welt- oder Himmelskugeln zu beliebten Accessoires auf Porträts von Adligen und Würdenträgern avanciert. Es waren vielseitige Symbole: Sie konnten auf politische Macht über fremde Länder verweisen oder auf Beteiligung an lukrativen Handelsrouten und entsprechenden Wohlstand oder aber auf Interesse an Entdeckungen sowie auf astronomische oder geographische Bildung. Jedenfalls wurden Globen schick, und so legten sich nun auch immer öfter Leute welche zu, die sie vor allem als Statussymbol oder Prestigeobjekt erwarben, wohlhabende Kaufleute etwa und aufstrebende Bürger.

Die Produkte der Globusmacher erlebten in jedem Fall eine Popularisierung, um nicht zu sagen Profanisierung. Schließlich kamen auch Modelle auf, die weder wissenschaftlich noch nautisch brauchbar waren, etwa Taschengloben ohne Horizont- und Meridianring. Dafür waren auf manchen Erdgloben nun die Routen bekannter Seefahrer eingezeichnet, ab dem späten 18. Jahrhundert nicht zuletzt die drei Reisen James Cooks. Auf zweien der von Sumira vorgestellten Stücke ist sogar der Ort auf den Sandwich-Inseln (dem heutigen Hawaii) ausgewiesen, an dem der berühmte Entdecker im Februar 1779 von Eingeborenen getötet worden war. Selbst der Schöpfer eines gerade einmal sieben Zentimeter messenden Taschenglobus aus dem Jahr 1819 wollte seinen Kunden diese Information nicht vorenthalten.

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