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Kartographie : Die ganze Welt in Menschenhand

Erhalten ist aus der Antike weder dieser noch irgendein anderer Erdglobus, dafür aber drei Himmelsgloben, also Darstellungen des Firmaments und seiner Sternbilder, und zwar der des sogenannten Atlas Farnese, einer um 150 nach Christus von einem griechischen Original kopierten Marmorskulptur, sowie zwei kleine aus Bronze beziehungsweise Silber. Himmelsgloben waren später im islamischen Mittelalter in Gebrauch, aber auch Gelehrten des Westens bekannt, etwa Gerbert von Aurillac (950 bis 1003), dem späteren Papst Silvester II. Mit Karten versehene Erdgloben dagegen schienen eine Epoche, die von der weiteren Welt auch nicht viel mehr wusste als die alten Griechen, nicht übermäßig interessiert zu haben.

Ein Erdapfel ohne Amerika

Das wurde anders, als die Zeit der Entdeckungsfahrten begann. Tatsächlich stammt der früheste erhaltene Erdglobus aus ebenjenem Jahr 1492, in dem Kolumbus die Neue Welt erreichte. Mit dem „Erdapfel“ des Nürnberger Kaufmanns Martin Behaim (1459 bis 1507) beginnt daher auch das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch „Der Globus“ der britischen Restauratorin Sylvia Sumira, dem auch die meisten Abbildungen auf dieser Seite entnommen sind. Sumira hat unter anderem am National Maritime Museum in Greenwich gearbeitet, das eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen historischer Globen beherbergt. So führt sie ihre Leser anhand ausgewählter Stücke durch die auf den Behaimschen Erdapfel folgenden 400 Jahre Globusgeschichte.

Dabei geht es nur zur Hälfte um die kugeligen Karten unseres Heimatplaneten. Mindestens ebenso wichtig sind der Autorin die Himmelsgloben, denn von Beginn des 16. Jahrhunderts an bis weit hinein ins 18. Jahrhundert wurden Himmels- und Erdgloben oft paarweise gefertigt. Für die Seefahrer, die sich vor dem Aufkommen hinreichend präziser und mobiler Uhren auch an den Sternen orientierten, war die Kartierung des Himmels mindestens so wichtig wie die der Erde.

Der große Mercator

Globen waren also zunächst vor allem wissenschaftliche und nautische Instrumente, insbesondere zu Zeiten Gerhard Mercators (1512 bis 1594), des vielleicht größten Kartographen seit dem antiken Gelehrten Klaudios Ptolemaios. Mercator war nicht nur ein Meister der mathematischen Kartographie, der Schöpfer des ersten Weltatlas und der nach ihm benannten winkeltreuen Projektion, die in Zeiten der zoombaren Internetkarten so wichtig ist wie eh und je – er war auch einer der produktivsten Globusbauer. „Er schuf eine immense Zahl von Globen, von denen sich viele erhalten haben“, schreibt Sumira.

Natürlich fehlte auf Mercators Globen noch allerhand. Australien wurde erst 1606 von Europäern betreten, Neuseeland 1642. Noch 1730 hielt man Kalifornien für eine Insel, während Tasmanien bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht als eine solche erkannt war – von weiten Teilen der Polargebiete gar nicht zu reden. Die Konjunktur der Globenindustrie, die sich nun vor allem auf die seefahrenden Kolonialmächte England und Holland konzentrierte, hing natürlich nicht zuletzt damit zusammen, dass ständig Neues entdeckt und damit auf den Globen eingezeichnet werden musste.

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