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Legenden um Max Beckmann : Die frühe Liebe blieb zum Licht

  • -Aktualisiert am

Bis heute hängen im Haus von Gisèle van Waterschoot van der Gracht die beiden Aquarelle, die Max Beckmann ihr schenkte. Bild: Annemarieke Van Drimmelen/August Image

Die Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht ermöglichte Max Beckmann das Überleben in Amsterdam und die Übersiedlung nach Amerika. Welche Rollen spielten zwei andere Männer in dieser Beziehung?

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          Sieben Jahre nach Max Beckmanns Tod erschien 1957 ein schmales Reclam-Heft über die „Argonauten“, das letzte seiner Triptychen. Autor war Erhard Göpel. Wie Werner Haftmann, Hildebrand Gurlitt oder Will Grohmann gehörte er zu den Freunden der klassischen Moderne, die sich selbst entnazifizierten, indem sie ihre ästhetische Vorliebe zum Widerstand gegen das Regime umdeuteten. Göpel war als Einkäufer für das Führermuseum in Linz tätig gewesen. Die Bekanntschaft mit Malern, die von der „Aktion Entartete Kunst“ betroffen gewesen waren, entwickelte sich im Rückblick zur Freundschaft weiter.

          Max Beckmann konnte sich nach seinem Tod in New York gegen die Vereinnahmung durch Erhard Göpel nicht mehr wehren. Trotz des Misstrauens von Beckmanns Witwe Quappi gelang es Göpel, mit dessen freundlich geschiedener Frau Minna in München eine Beckmann-Gesellschaft zu gründen. Hatte nicht Beckmann 1944 in Amsterdam sein lebensgroßes Porträt gemalt, heute im Besitz der Staatlichen Museen in Berlin?

          Vor diesem Hintergrund ist die Behauptung Göpels zu lesen, Beckmann habe in seinen Jahren in Amsterdam, 1942 bis 1947, unter dem inspirierenden Einfluss eines Meisters gestanden, ohne den auch seine letzten, in Amerika entstandenen Bilder nicht zu verstehen seien. Gemeint ist Wolfgang Frommel, der 1986 verstorbene „Meister“ der Gemeinschaft Castrum Peregrini in Amsterdam, deren esoterischer Aufbau der pädophilen Beziehung der älteren Mitglieder zu ihren jungen Adepten beruhte. Mit Frommel war Göpel bis zu seinem Tod 1966 befreundet; Göpel war es, der die Bekanntschaft Frommels mit Beckmann ermöglicht hatte.

          Von ferne wirkt Stefan George

          Das Spätwerk Beckmanns, schrieb Göpel 1957, sei ohne Kenntnis von Wolfgang Frommels ganz spezieller, auf Stefan George zurückgehender Antikenrezeption nicht denkbar. Beckmanns „Argonauten“ führt er auf Frommels idiosynkratische Lesart der Argonautensage zurück. Dabei versuchte Göpel sich durch seine Beziehung zu Frommel selbst zu entlasten. Denn Frommel gab sich nach dem Krieg als Widerständler gegen das NS-Regime, was nicht ganz unbegründet war. Sicherheitshalber machte Frommel sich den schützenden Bezug auf Beckmann zunutze, trotz bester Beziehungen zur politischen und kulturellen Prominenz in Westdeutschland. Sein Castrum Peregrini ähnelt in diesem Punkt der Odenwaldschule, die sich lange Zeit auf ganz ähnliche Weise unangreifbar gemacht hat.

          In ihrer sehr lesenswerten, bald auch in deutscher Übersetzung erscheinenden Biographie über die Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht („De eeuw van Gisèle“. Mythe en werkelijkheid van een kunstenares. De Bezige Bij, Amsterdam 2018) beschreibt Annet Mooij auch das Leben Frommels in Amsterdam, wie es die Großzügigkeit der Malerin seit 1942 ermöglichte. Frommel war bis zu seinem Tod vollständig von ihr abhängig, ohne sie je in seine esoterische Gemeinschaft einzubeziehen.

          Diese merkwürdige und bemerkenswerte Frau hat auch für Beckmann, den sie bis zu ihrem Tod im Jahre 2013 noch als Hundertjährige hoch verehrte, eine entscheidende Rolle gespielt. Gisèle van Waterschoot van der Gracht war 1946 zum ersten Mal wieder in New York und ermöglichte ihm 1947 dann die Reise, die zu seiner endgültigen Übersiedelung führte..

          Zwei Erzählungen vom ersten Besuch

          Ihren ersten Atelierbesuch mit Frommel bei Beckmann im Februar 1943 schilderte Gisèle van Waterschoot van der Gracht 1954 in einem Zeitungsbeitrag und 31 Jahre später noch einmal in einem Gespräch mit drei Kunstgeschichtsstudenten aus Amsterdam. Die beiden Erzählungen weichen in einem wichtigen Punkt voneinander ab. Im Alter sprach sie davon, dass Beckmann ihr als erstes den „Akrobaten auf der Schaukel“ (1940) zeigte. Die starke Reaktion auf dieses Bild begründete ihre Freundschaft mit Max Beckmann. Mit diesem Bild stehen auch die beiden Aquarelle in Beziehung, die ihr Beckmann 1946/47 schenkte, eine Szene mit Tänzerinnen und einem Zwerg und „Jungfrau mit dem Untier“, letzteres von ihm selbst ausgesucht: „Das passt zu Dir.“ Wenn sie die Jungfrau war, dann dürfte das Untier Frommel gewesen sein, dem Beckmann es nachtrug, dass er kein verlässlicher Gast war: „Frommel kam nicht, wie so oft“ (Tagebuch vom 27. Mai 1945).

          In der Erinnerung an ihren Atelierbesuch 1943 stellte Gisèle van Waterschoot van der Gracht 1954 noch ein anderes Bild Beckmanns heraus. Zu diesem Zeitpunkt, vier Jahre nach Beckmanns Tod, konnte Frommel jede öffentliche Äußerung seiner Gönnerin vorab zensieren. Wenn sie damals die „Jünglinge am Meer“ (1943) als Ursprung ihrer Hinwendung zu Beckmann nannte, mag man dieser Angabe deshalb ihre spätere Aussage vorziehen. Vielleicht gilt dies auch für andere Einlassungen, mit denen sie im Alter frühere Lebensansichten aufgab.

          Die „Jünglinge am Meer“ zitierte Erhard Göpel 1957 als Beleg für Frommels Einfluss auf Beckmann in Amsterdam. Tatsächlich ist das Bild von 1943 aber als Selbstzitat zu verstehen. Denn mit seinen „Jungen Männern am Meer“ (1905) hat Beckmann seinen ersten großen Erfolg erreicht.

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