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Soziale Systeme : Spielgeld

  • -Aktualisiert am

Aber gerne doch! Herrschaft und Knechtschaft im Restaurant. Bild: dpa

Scheinbar devote Diener gehören bis heute in jedes gute Restaurant. Die Ungleichheit hinterm Tresen ist real.

          3 Min.

          Ein Kellner in Wien wurde einst stadtbekannt, weil er alle Gäste seines Lokals, ungeachtet ihres wirklichen Ranges, mit demselben imponierenden Titel begrüßte. Der Mann hatte offenbar verstanden, worum sich sein Beruf dreht, und trieb seine Scherze damit. In vielen gehobenen Bars und Restaurants erwartet den Gast eine inszenierte Ständegesellschaft, in der die festen Rangordnungen längst vergangener Zeiten als bloßes Rollenspiel wiederholt werden.

          Auf den wirklichen Status der Beteiligten kommt es dabei nicht an. Auch diejenigen Gäste, die sparen mussten, um sich die extravagante Bewirtung leisten zu können, und denen der Kellner dies mit geübtem Blick auch anmerkt, genießen für ein paar Stunden das alte Adelsprivileg, sich in öffentlichen Situationen bedienen zu lassen. Jeder, der Platz nimmt, darf sich eine Zeitlang als „Herr“ fühlen. Auch wenn er bei der Weinauswahl etwas ratlos wirkt, das geborgte Sakko an den Schultern spannt und die Handtasche der Begleiterin nicht mit dem Namen eines Designers aufwarten kann. Bei den Frauen am Tisch ist der Spielcharakter der Situation überhaupt noch deutlicher zu erkennen: Selbst wenn es sich um eine Punkerin handelt, die alles sein möchte, nur keine „Dame“, wird sie ebenso bedenkenlos wie unwidersprochen als solche tituliert.

          Ein Herr ist, wer bezahlen kann

          Auch die teuersten Restaurants und Hotels sind mittlerweile sozial inklusive Einrichtungen, die nicht nach Schichtung, sondern nur nach Zahlungsfähigkeit diskriminieren. Der für solche Fragen empfindliche Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate hat diesen Wandel einmal an der Geschichte des Zugangs zum Grandhotel dargestellt. In den sechziger Jahren pflegte man die Gäste nach ihrem sozialen Status einzulassen oder abzuweisen. Wohlhabende, aber bekanntermaßen unerzogene Rockstars mussten draußen bleiben, nicht nur zum Schutz des Mobiliars. Der Zugang trennte nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial, und so teilten die Hotelgäste wichtige Vorurteile und kamen dementsprechend leicht ins Gespräch. Das Luxushotel war ein inoffizieller Treffpunkt der Oberschicht. Inzwischen ist dort jeder willkommen, der die Zimmerpreise bezahlen kann. Deswegen bedarf es nun Hinweisschildern im Speisesaal, welche die „Herren“ davon abhalten sollen, in kurzen Hosen zum Dinner zu erscheinen.

          Ähnlich verhält es sich auch in der Arbeitswelt der „Diener“. Die Aufregung, die bei manchen schon dieses Wort auslöst, ist nicht immer angebracht. Denn viele der beflissenen Kellner und Barkeeper sind Medizinstudenten oder angehende Rechtsanwälte. Und auch wo dies nicht der Fall ist, legen sie großen Wert darauf, ihrerseits den „Herrn“ zu geben. Das zeigt eine unlängst publizierte Untersuchung. Deren Autor, der amerikanische Soziologe Eli R. Wilson von der Universität im Bundesstaat New Mexico, war seinerseits Kellner und hat an den Trinkgeldern seiner ehemaligen Kollegen so etwas wie eine Zweckbindung dieser Geldmittel entdeckt. Wie man zögern mag, das unerwartete Geldgeschenk der Tante für eine ohnehin fällige Anschaffung zu verwenden, so kann auch das empfangene Trinkgeld gewissen Verwendungsbeschränkungen unterliegen. Es an der Tankstelle oder im Supermarkt auszugeben, mag sich als unvermeidlich erweisen, wenn der knappe Lohn des Servicepersonals wieder einmal nicht ausreicht, um die alltäglichen Kosten zu decken. In dieser Studie gelten solche Ausgaben den Kellnern als Zweckentfremdung. Der angemessene Gebrauch des Trinkgeldes besteht vielmehr darin, es in ebendieser Funktion weiterzugeben. Es soll also dem Servicepersonal den Wechsel in die Rolle des generösen Gastes ermöglichen, und zwar am besten zusammen mit seinen Arbeitskollegen und direkt nach Feierabend.

          Kellner und Küchenjunge

          Neben der gespielten Ungleichheit, die auf den Vorderbühnen von Restaurants, Bars oder Hotels demonstriert wird, gibt es freilich auch noch eine Welt der gespielten Gleichheit hinter dem Vorhang, in Bereichen, zu denen die Gäste keinen Zugang haben. So mögen Kellner und Küchenpersonal nach Einkommen und formalem Rang gleichgestellt sein. Zwischen ihnen gibt es dennoch, wie die Untersuchung ebenfalls zeigt, erhebliche Statusdifferenzen. Die ergeben sich bereits aus der Rekrutierung. Für die repräsentative Funktion des Kellners bevorzugt man Einheimische mit guten Sprachkenntnissen und einem sozialen Hintergrund in der Mittelschicht. Für die unsichtbare Küchenarbeit kommen dagegen auch Personen aus unteren und in den Vereinigten Staaten häufig aus lateinamerikanischen Einwandererschichten in Betracht.

          Der ungleiche Zugang zum Trinkgeld unterstreicht diese Ungleichheit: Den Kellnern beschert er nicht nur mehr Geld und mehr Gelegenheiten zu dekadentem Konsum. Er begünstigt auch ihre private Absonderung von den Kollegen aus der Küche, die nicht dabei sind, wenn die Kellner es nach Feierabend krachen lassen. Gute kollegiale Beziehungen zu den Latinos in der Küche sind natürlich auch für den Kellner wertvoll, aber die kleinen Geschenke, mit denen er sie erkauft, gelten nur der zügigen Arbeit des Empfängers, die von den Gästen geschätzt wird, und nicht seiner Person.

          Eli R. Wilson, Tip Work: Examining the Relational Dynamics of Tipping beyond the Service Counter, in: Symbolic Interaction 42 (2019); S. 1–22.

           

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